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Spießige Stimmung kommt hier gewiss nicht auf! – Interview mit Pianist Animenz

Anfang April konnte man der wunderbaren Musik des Anime-Pianisten Animenz live in Berlin und München lauschen. Glücklicherweise durften wir vor seinem Auftritt ein Interview mit ihm führen.

Seine einzelnen Stücke reichten von Angel Beats!, Attack on Titan, Ghibli bis hin zu Tokyo Ghoul und Shigatsu wa Kimi no Uso. Jedes seiner Stück überführte das Publikum in die magische und klangvolle Welt der Anime. Vor allem wurden gerade bei Pokémon und Digimon die eigenen Kindheitserinnerungen wachgerufen.

Nostalgie war definitiv ein Faktor, der bei all seinen Stücken zugegen war. Bei einigen Lieder ist auch die eine oder andere Träne geflossen, vielleicht auch ein Wasserfall. Es war jedenfalls eine unglaubliche Bereicherung einem seiner Konzerte beizuwohnen. Wir legen es jedem wärmstens ans Herz, wenn die Chance besteht, dem Klang seines Klaviers zu lauschen.

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© 2018 Joel Knight

Entsprechend hervorgehoben findet ihr unsere Fragen und darunter dann jeweils die passende Antwort von Animenz. Wir hoffen die Fragen findet ihr alle genauso interessant, wie wir diese empfunden haben.

Japaniac: Was ist deine Geschichte hinter dem Namen Animenz? Hat es eine besondere Bedeutung?

Der Name kam eigentlich daher, da ich einen Tippfehler gemacht hatte. Ich habe früher nach Animes gesucht und da ist mir dann ein N reingerutscht. Ich dachte, dass Animens dann eigentlich gar nicht so schlecht klang und habe den Namen behalten. 2006, zur Zeit des Leetspeak, habe ich das S am Ende dann zu einem Z umgewandelt. Das klang ziemlich cool und seitdem nenne ich mich eben Animenz. Mit anderen Worten handelt es sich bei meinem Namen eigentlich um eine Ausgeburt eines Tippfehlers.

Japaniac: Die Welt der Musik reicht ziemlich weit. Wie kamst du gerade darauf Musik aus Anime zu spielen?

Ich schaue schon von alleine sehr viel Anime an. Auch als Kind war ich damals schon von Disney und im Allgemeinen von Zeichentrickfilmen begeistert. Und wie man sie durch Kraft der Farbe ausdrücken konnte. Damals habe ich sehr viel Anime im TV gesehen, unter anderem auch Dragon Ball und Digimon; die guten alten Serien eben.

Schon im Alter von sechs Jahren konnte ich die Musik von Anime allein durch mein Gehör spielen. Es gibt so viele fantastische Stücke, die man so gut auf dem Klavier ausdrücken kann. Streng genommen kann ich auch alles andere covern, wie Game-Musik oder auch Musik aus Disney-Filmen. Aber im Endeffekt habe ich mich für Anime entschieden, weil ich mich auf etwas fokussieren wollte.

Japaniac: Es gibt ja unglaublich viel unterschiedliche Musik was Anime angeht. Suchst du dir deine Titel nach bestimmten Kriterien aus?

Fast immer total willkürlich, wirklich. Hauptsache das Stück ist schön und überzeugt mich. Idealerweise wäre es auch, wenn es sich dabei um einen Anime handelt, den ich sehr mag. Meistens ist es ja so, dass ein Anime ab einem bestimmten Punkt richtig schlecht wird, aber die Musik bleibt trotzdem konstant schön.

Im Grunde suche ich mir also x-beliebige Stücke aus, wobei ich in letzter Zeit auch auf Fans achte, was sie wollen. Wenn also viele fragen, ob ich XY covern kann, dann mache ich das auch oft so. Generell also total willkürlich, aber ein bisschen höre ich auch darauf, was die Leute wollen.

Japaniac: Dein Portfolio umfasst bisher doch recht viele Stücke. Hast du auch ein Lieblingsstück, das du gecovert hast?

Das wichtigste Cover ist das Opening von Guilty Crown, My Dearest. Denn das war der Moment, in dem ich festgestellt hatte, dass Klaviermusik in Anime in eine unglaublich weite Richtung gehen kann. Das war sozusagen der Weg zu meinem jetzigen Anime-Pianisten Dasein.

Bei dem Titel habe ich damals alle möglichen Techniken und musikalische Ideen reingesteckt, um eine Art halb Medley zu schaffen. Ich habe also Klänge aus anderen Stücken damit verbunden, um ein Einziges zu kreieren. Das war für mich etwas Revolutionäres, was völlig Neuartiges. Es ist bis dato auch noch einer meiner Lieblingsvideos auf YouTube, weil es eben so anders ist als andere.

Japaniac: Oftmals können bestimmte Stellen in einem Lied schwer oder nicht für andere Instrumente umgesetzt werden. Sind deine Lieder originalgetreu oder baust du auch selbst Elemente ein?

Ich würde mal sagen halb halb. Ich höre mir das Original an und wenn es mir sehr gefällt, der Aufbau eins a ist und mir die gesamte instrumentale Führung zusagt, dann lasse ich es so 1 zu 1. Unravel war beispielsweise ein Stück, welches ich 1 zu 1 übernommen habe. Denn ich dachte die Länge stimmt und es passt so alles gut zusammen.

Bei anderen Stücken baue ich aber auch gerne extra was ein. Ich erweitere beispielsweise den Introteil oder füge einen Outroteil ein. Ab und an wiederhole ich auch einfach den Refrain, weil dieser so schön ist. Da variiere ich dann eben mit der Lautstärke. Woher diese Ideen kommen weiß ich nicht, es ist wohl mein rein musikalischer Geschmack.

Ich versuche natürlich immer das originale Material zu erhalten oder davon abzuleiten. Meine Titel sind also definitiv mit dem Original verwandt und nur äußerst selten aus der Luft gegriffen.

Japaniac: Bisher ging es ja nur um Cover von Liedern. Komponierst du auch eigene Musik?

Ganz selten improvisiere ich und schreibe diese Improvisationen auch auf. Ich habe gefühlt fünf eigene Stücke, das ist echt nicht viel. Das Problem mit dem Komponieren ist, dass man fast immer improvisiert und es kommt nicht allzu oft vor, dass man denkt diese seinen erinnerungswürdig.

Ich versuche noch immer selbst zu komponieren, aber das ist echt schwer. Die meisten meiner Kompositionen sind Stücke, die ich improvisiert und aufgeschrieben habe. Ein Gedankenblitz kann da schon ganz nützlich sein und entweder es klappt dann oder eben nicht. Man kann kein Stück forcieren, zumindest kann ich es nicht.

Japaniac: Welches Lied hat dir bisher am meisten Freude oder Spaß bereitet zu transkribieren?

Eigentlich alle Stücke. Es ist an sich ja schon eine Leistung überhaupt ein Stück zu Ende zu transkribieren. Denn eine Transkription nimmt sehr viel Zeit in Anspruch. Bestimmt zehn Mal so viel Zeit, als wenn man ein Stück auf dem Klavier nur improvisiert. Obwohl auch das schon schwer ist.

Ich freue mich als grundsätzlich immer, wenn ich das Stück schon fertig bekomme, egal welches es ist. Endlich ein neues Stück und ein neues Video über das sich meine Fans freuen. Und ich freue ich mich dann auch über deren Feedback.

Japaniac: Eine Transkription kann bestimmt sehr zeitaufwändig sein. Wie lange brauchst du grundsätzlich für die Transkription eines Stückes?

Locker 10 Stunden. Wenn es aber ein speziallanges Medley über 10 Minuten ist, dann kann die Transkription schon mal an die 40 Stunden dauern. Ich kremple halt doch alle Noten um und achte sehr stark auf Details. Zum Beispiel ob die Stimmführung okay ist oder ob das Stück doch viel zu laut ist. Denn ich muss mich ja defacto für eine einzige Version im Endeffekt entscheiden.

Es gibt theoretisch unendlich Möglichkeiten wie man ein Stück auf das Klavier übertragen kann. Ich versuche eben den Weg einzuschlagen, auf dem das Stück auf dem Klavier am natürlichsten klingt. Im Grunde klingt es am Ende also nicht wie ein Cover, sondern als ob es von vornherein für das Klavier geschrieben wäre. Wenn es das tut, dann habe ich mein Ziel erreicht.

Japaniac: Wieso hast du dich ausgerechnet für das Klavier entschieden und nicht für ein anderes Instrument?

Ich glaube hier kann ich jetzt mit einem Klischee ankommen. Meine Eltern sind asiatischer Herkunft und die wollen fast immer, dass ihre Kinder Klavier spielen. Zumindest kaufen sie ein Klavier und hoffen ihre Kinder fangen von alleine an darauf zu spielen. Ich weiß nicht mehr genau wie es bei mir war, aber ich glaube ich mochte das Klavier schon von Anfang an. Ich wurde also nie zum Klavierspielen gezwungen, abgesehen von ein paar Mal.

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Abgesehen davon hatte ich mit sechs Jahren meinen ersten Kontakt mit einem Klavier und bin damals schon auf eine Musikschule gegangen. Zum Glück hatte ich einen unglaublich tollen Lehrer, mit dem ich überaus gut klar kam. Das ist meiner Meinung nach auch das wichtigste beim Lernen eines Instrumentes: Man braucht einen guten Lehrer. Meiner war wunderbar und es machte unglaublich viel Spaß Klavier zu spielen und ich habe nie damit aufgehört.

Ich habe mir nie eine Pause genommen, wie viele andere mit 16 Jahren, weil sie plötzlich lieber Motorrad fahren möchten. Ich dachte immer, dass das Klavier das Tollste sei, weil ich ja schon immer vom Gehör her alles spielen konnte. In meiner Freizeit spiele oder covere ich einfach sonst was ich auch kenne. Also habe ich theoretisch nie aufgehört zu spielen.

Japaniac: Wie hat sich deine Karriere entwickelt? Wurdest du gescoutet?

Ich habe an der HMT in Rostock studiert und bin damit jetzt auch fertig. Und ja, theoretisch wurde ich gescoutet. Ich habe 2009 mit meinem Nebenprojekt auf YouTube angefangen und immer fleißig Videos hochgeladen. Da fast bei jedem Cover auch Noten dabei waren, war es schon etwas Spezielles. Denn andere Videos hatten oft nicht so ausgereifte und komplizierte Arrangements. Genauso wenig waren Notenblätter vorhanden, damit es Leute nachspielen konnten.

2013 wurde ich dann von meinem jetzigen Manager kontaktiert. Er fragte mich, ob ich Lust hätte zusammen mit einem anderen Anime-Pianisten, Theishter, in Singapur ein Live-Konzert zu geben. Zuerst dachte ich es wäre ein Scherz gewesen, aber er hat es dann wirklich wahr gemacht und hat uns beide nach Singapur einfliegen lassen. Dort haben wir dann zusammen ein Konzert gegeben.

Dieser Moment war einfach unglaublich, denn endlich lernte man die Leute kennen, die ständig meine Videos ansahen und die ganzen Kommentare dazu geschrieben haben. Es waren auch an die 1000 Besucher zum ersten Konzert gekommen, da ist die Halle vor Freudenschreien explodiert. Es war ein so überragendes Gefühl und von da an wusste ich, dass ich das weitermachen möchte.

Japaniac: Hast du denn jemals erwartet so großes Ansehen zu genießen, auch außerhalb Deutschlands?

Eigentlich gar nicht. Wie gesagt, am Anfang war das für mich nur eine Art Nebenprojekt. Ein paar Lieder covern, die ich selbst gerne mag und das dann im Internet teilen. Ich hätte aber nie gedacht damit so populär überall auf der Welt zu werden. Ich dachte, dass mich eben ein paar Japaner und Deutsche kennen würden, aber mittlerweile habe ich über 1 Millionen Abonnenten! Wie das zustande kam weiß ich nicht, aber ich bin überaus dankbar, dass die Leute meine Musik so schätzen.

Ich gebe mir unglaublich viel Mühe mit meinen Videos, was man auch an den unregelmäßigen Uploads erkennen kann. Wenn ich eine gute Idee habe, dann stelle ich auch ein Video dazu online. Wenn ich aber nichts Gutes schreiben kann, dann gibt’s auch nichts Neues. Ich versuche immer ein Qualitätsprodukt zu liefern. Jedes Video und jedes Lied ist einfach individuell und hat eine eigene Geschichte. Ich bin auch einer der wenigen YouTuber, der sich so viel Mühe mit seinen Videobeschreibungen gibt, denn ich schreibe die Geschichte hinter meinen Stücken immer nieder.

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© 2018 Joel Knight

Japaniac: Was möchtest du, dass die Besucher bei deinen Konzerten mitnehmen? Möchtest du bestimmte Gefühle hervorrufen?

Ich möchte wirklich nur, dass alle Besucher eine tolle Zeit haben und ich möchte den Leuten zeigen, wie ein Klavier Live-Konzert aussieht. Ein Klavierkonzert assoziiert man fast immer mit klassischer Musik, schicker Kleidung und spießiger Stimmung.

Aber ich möchte, dass alle einfach nur den Moment und die Atomsphäre genießen können und am Ende glücklich nach Hause gehen. Vielleicht inspiriert meine Vorstellung aber auch und ermutigt selbst Hand ans Klavier anzulegen. Das wünsche ich mir.

Japaniac: Gibt es Lieder an die du dich bisher noch nicht getraut hast oder die du hast abbrechen müssen?

Es gibt so viele abgebrochene Projekte. Fast immer ist das das Resultat, wenn ich keine guten Ideen habe wie ich ein Stück weiterführen soll oder wenn es an sich einfach zu langweilig ist. Aber meistens liegt es an mir… Besonders an Ghibli-Musik habe ich mich bisher noch nicht getraut, weil die Stücke schon so populär sind und es auch offizielle Noten von Komponist Joe Hisaishi persönlich gibt. Da war ich mir eben nicht sicher, ob ich das wirklich in Angriff nehmen sollte, aber schlussendlich habe ich mich doch dafür entschieden. Deshalb habe ich auch vor Kurzem ein Medley mit meinen Lieblingsliedern von Studio Ghibli hochgeladen.

Japaniac: Wie viel Zeit verbringst du mit Üben oder überhaupt mit deiner Arbeit der Transkriptionen?

Damit verhält es sich wie mit meinen Uploads auf YouTube: Es ist ganz unterschiedlich. Wenn ich wirklich Lust aufs Üben habe, dann spiele ich 8 Stunden ohne Pause. Müde werde ich dabei irgendwie nicht, weshalb ich es auch schaffe so viele Konzerte zu spielen. Ich bin es einfach gewohnt und kann ewig spielen ohne müde zu werden.

Es gibt jedoch auch Tage an denen ich rein gar nichts mache, weil ich einfach nicht in Stimmung komme oder sonst was. Ich gebe zu, dass es nicht recht vorbildlich ist, aber für mich reicht das aus.

Japaniac: Was ist deiner Einschätzung nach bisher das schwierigste Transkript gewesen?

Das ist und bleibt Unravel. Das Stück ist einfach hammerhart, weil es ein sogenanntes unfaires Stück ist. Es gibt so viele Risikostellen, die das ganze Stück ziemlich erschweren. Damals habe ich es wohl auch etwas mit meiner Technik übertrieben. Ich wollte mich mit dem Stück an meine Grenzen bringen und das habe ich auch geschafft. Schwerer wird es nicht werden, denn das möchte ich auch selbst nicht, da es sonst keinen Spaß mehr macht. Es ist an manchen Stellen echt eine Qual zu spielen, aber wer es schafft hat echt was drauf.

Japaniac: Du hast ja davor schon einige Konzerte gegeben. Wie kommt es, dass du jetzt zum ersten Mal ein Konzert in Deutschland gibst?

Die unbequeme Wahrheit ist, dass es echt schwer ist in Deutschland einen Konzertsaal zu bekommen. Schuld sind die Bürokratie und die unglaublich vielen Veranstaltungen durch die die Hallen einfach immer besetzt sind. Deshalb haben wir in München an einem Montag ein Konzert spielen müssen, weil am Wochenende immer alles komplett ausgebucht ist.

In Asien ist es viel leichter an einen Konzertsaal zu kommen. Singapur ist im Übrigen ein Geheimtipp, es ist wie ein Anime Paradies. Man kann irgendetwas ansagen, das mit Anime zu tun hat und sofort stehen die Leute schlange. Das liegt wohl zum Teil auch daran, da es in Asien einfach von sich aus schon viel mehr Menschen gibt.

Japaniac: Nun kommen wir schon wieder zum Abschluss. Würdest du deinen Fans gerne etwas mitteilen?

Ja, auf jeden Fall!! Erst einmal wollte ich sagen, wie sehr es mich freut, dass ihr mich und meine Musik so unterstützt. Außerdem versuche ich in nächster Zeit wieder neue Videos hochzuladen. Nur bin ich gerade in einer Art Tiefphase angelangt und mir kommen partout keine neuen Ideen, wahrscheinlich weil ich die Messlatte zu hochgelegt habe.

Trotz dessen möchte ich euch danken, wie ihr mich trotz unregelmäßiger Uploads so unterstützt, euch die Videos anschaut und fleißig kommentiert. Das tolle Feedback freut mich immer ungemein. Und jetzt eben auch, dass die Besucher von überall herkommen, um sich meine Konzerte anzuhören. Das stimmt mich überaus glücklich.

Wir bedanken uns recht herzlich bei Animenz für das interessante Interview. Falls ihr nun neugierig seid, was seine Musik anbelangt, dann stattet seinem Account auf YouTube einen Besuch ab. Andernfalls kann man ihm auch über Twitter oder Facebook folgen. 

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