In Japan existiert noch eine Form der Eheschließung, die uns Europäern veraltet und ungerecht erscheinen muss: die der arrangierten Heirat. Sie nennt sich Omiai, frei übersetzt „Liebe beim (ersten) Sehen“, und läuft nach festen Vorgaben ab.

Entstanden ist diese Form der Ehe im 16. Jahrhundert in der Samurai-Klasse, bei der Ehen einen besonders hohen politischen Wert hatten, und wurde danach, wie andere als edel und gesittet angesehene Bräuche der Samurai, auch von anderen Schichten der Gesellschaft nachgeahmt. Ein Mittelsmann – damals typischerweise ein Freund der Familie oder ein Vorgesetzter (besonders praktisch, wenn man in einen höheren Stand einheiraten wollte) – stellte den Kontakt zwischen der Familie des Mannes und der Frau her und organisierte die Treffen.

Bei der Wahl des Gegenstücks waren der soziale Stand, körperliche Gesundheit und natürlich finanzielle Mittel ausschlaggebend; die Ehe wurde zur Ermöglichung einer möglichst vorteilhaften Fortführung der Blutlinie genutzt. Bei den Treffen selbst sahen sich Braut und Bräutigam eher selten, um eine Blamage bei einer Entscheidung gegen die Hochzeit zu vermeiden; oft wurden die ersten Treffen als „rein zufällig“ geplant, etwa am Tempel, bei der Kirschblütenschau (Hanami) oder im Theater, um das Gesicht besonders gut wahren zu können: „Wie? Meine Tochter wurde abgelehnt? Ach neeeein, das war doch gar nicht im Gespräch …“

japanesesearch-comWenn wir heute entsetzt denken, wie die Eltern damals so gefühllos mit ihren Kindern umgehen konnten und sie als vermeintlich herzlose Monster abstempeln, muss man sich aber bewusst machen, dass das Verständnis von Ehe und Liebe damals ein ganz anderes war als heute. Natürlich wünschten die Eltern ihren Kindern – meist – auch eine liebevolle Ehe, allerdings ging man davon aus, dass sich Liebe bei Kompatibilität der Eheleute und bei gesundem, gutem Charakter im Laufe der Ehe einstellen wird, was auch nicht so selten der Fall war, wie wir es heute mit unserem Filmideal der „Liebe auf den ersten Blick“ denken mögen. Das Ideal der Liebesheirat kam erst mit den Europäern nach Japan.

Auch heutzutage lastet ein großer Druck auf jungen Japanern, ihrer Familie durch eine Heirat Ehre zu bringen. Frauen sollten idealerweise spätestens mit 25, Männer mit 30 verheiratet sein; es gibt ein Sprichwort, das ledige Frauen über 25 mit „Christmas Cake“ vergleicht: nach dem 25. (Dezember) will diesen ja wohl keiner mehr essen … Auch im sozialen Umfeld, in dem man es als Europäer nicht vermuten könnte, sehen sie sich unter Druck gesetzt, etwa am Arbeitsplatz; schnell entsteht das Gerücht, sie seien unverheiratet, weil sie nicht kooperations- oder teamfähig, gar unzuverlässig seien!

Sehen Eltern bis dahin keine ausreichenden Anzeichen für eine bevorstehende Heirat, wie etwa eine feste Beziehung, wenden sie sich eventuell an einen oder eine Nakodo, eine/n Heiratsvermittler/in (hier springt das Bild der Heiratsvermittlerin aus „Mulan“ in den Sinn). Auch die zu vermittelnden selbst können sich dorthin wenden, typischerweise sind besonders bei Frauen die Eltern hier die treibende Kraft. Vermittler sind heutzutage darauf spezialisierte Firmen, die professionell alles Weitere regeln und eine große Auswahl an möglichen Partnern bieten können. Heutzutage sind etwa 6,8% der Ehen in Japan auf diese Weise arrangiert, die Zahlen sinken allerdings (1998 waren es noch etwa 10%).

jpninfo-comFür die Vermittlung wird vom Bewerber ein ausführliches Portfolio erstellt: Fotos, Beruf, Gesundheitszustand, Bildungsweg werden hier nicht nur vom Bewerber an sich, sondern auch von seiner Verwandtschaft gesammelt! Schließlich muss man über möglicherweise erbliche Krankheiten und den sozialen Stand der Familie, in die man einheiratet, genau Bescheid wissen. Besonders detaillierte Bögen (die natürlich ihren Preis kosten) schließen zum Beispiel auch genaueste Bewertungen der physischen Schönheit und der Hobbies der Kandidaten mit ein. Nach diesen Portfolios schließen nun die Eltern der Kandidaten ungeeignete Bewerber aus und übergeben die übrig gebliebenen den Kandidaten selbst, damit sie sich hieraus ihnen gefallende aussuchen können.

Bei gegenseitigem Gefallen gibt es ein Treffen des Paares und ihrer Familien, bei dem die Beiden heutzutage auch etwas Zeit für sich bekommen; eine große Veränderung von den Bräuchen der Vergangenheit! Fällt dieses Treffen für beide Seiten positiv aus, geht das Paar auf ein paar Dates – üblicherweise drei – und verkündet dann, ob es heiraten möchte. Bei positivem Ergebnis findet die Hochzeit meist wenige Monate später statt. Die Scheidungsrate ist erstaunlich gering, was aber auch an dem großen Gefühl der Verpflichtung gegenüber der Familie und dem stark patriarchalischen Charakter des Omiai und der daraus resultierenden Ehen liegen kann.

Die Praxis des Omiai ist heutzutage schwer in der Kritik, da sie in Hinsicht auf Ethnie, gesundheitliche Vorbedingung, Bildungsweg und soziale Klasse sehr diskriminierend ist. Ausländer und Menschen mit gemischtem ethnischen Hintergrund werden kaum vermittelt, auch da eine haargenaue Überprüfung des Hintergrunds nicht in dem Maße möglich ist wie bei Japanern (also doch wieder nicht der Weg zum ersehnten japanischen husbando oder der japanischen waifu …), ebensowenig Ainu (ein Eingeborenenvolk aus dem Norden Japans, Hokkaido).

Menschen mit einer familiären Vorgeschichte psychischer Krankheit werden gemieden. Und immer noch werden Kandidaten aus alten Samurai-Familien bevorzugt! Das Gegenteil dazu sind Menschen aus ehemals geächteten Schichten; im Zweifelsfall muss man ein extrem langes Familienregister vorweisen, dass man nicht aus Familien ehemaliger Burakumin (oftmals liest man den veralteten, verächtlichen Begriff Eta) stammt, der geächteten Klasse der Totengräber, Schlachter, Lederarbeiter und Henker, die aufgrund ihrer körperlichen Berührung mit dem Tod als spirituell verseucht galt und diesen Ruf leider manchmal auch heutzutage noch beibehält.

Omiai mag uns hier sehr barbarisch und als ein loszuwerdendes Relikt der Vergangenheit erscheinen, und an dem dahinterstehenden Menschenbild lässt sich bestimmt arbeiten; allerdings müssen wir uns bewusst machen, dass wir einen anderen kulturellen Hintergrund haben, und eine andere Einstellung gegenüber Pflicht und Ehre, als Japaner es haben. Des Weiteren kann man aufgrund der alternden Gesellschaft in Japan auch deren Bestreben, möglichst viele Japaner in einem fruchtbaren Alter zu verheiraten, nachvollziehen. Da mit dem westlichen Einfluss aber auch ein neues Verständnis von individueller Entfaltung, Liebe und Gleichberechtigung der Geschlechter nach Japan hinüberwächst, wird sich die Praxis der arrangierten Ehe aber auch weiter anpassen müssen, um überhaupt noch erwünscht zu bleiben. In vielen Punkten hat sie es ja bereits getan.

omiai-appAls moderne Variante des klassischen Omiai gibt es übrigens auch moderne Apps; diese haben allerdings meist eher einen Charakter ähnlich westlicher Dating Apps wie „Tinder“, und dienen zu wesentlich ungezwungenerer Kontaktaufnahme – meist auch ohne die Einmischung der Eltern.

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