Ja, auch wir, das Team von „Japaniac”, haben von den Unstimmigkeiten zur Synchronisation von „Gate” gehört. Da wir unseren Lesern jedoch immer nur gut recherchierte und spannende Beiträge liefern möchten, haben wir im Hintergrund operiert und ein Interview mit dem Synchronsprecher Patrick Baehr organisiert.

Wie die meisten von euch wahrscheinlich schon mitbekommen haben, gab es einen Aufruhr bezüglich der Synchronisation von „GATE”. Für diejenigen, die nicht auf dem aktuellen Stand sind, der Publisher „Anime House“ hat sich die Lizenz an der Serie „Gate“ gesichert, natürlich herrschte zuerst große Freude, doch dann gab der Publisher das Synchronstudio und den Sprecher-Cast bekannt und schnell kam Enttäuschung auf. Anime House veröffentlichte einen Trailer, bei dem nicht nur über die Sprecher geschimpft wurde, sondern auch über die kompletten asynchronen Szenen, die im Trailer vorhanden waren. Nachdem nun ein Making-Of Video der Synchronisation von „Gate“ auf Facebook veröffentlicht wurde, protestierten wieder einige gegen die Stimmen. Überraschend war dabei jedoch, dass sich nicht nur die Fans beschwert haben, sondern auch Synchronsprecher, einige Unternehmen und sogar der IVS (InteressenVerbandSynchronschauspieler). Wir wollten aus erster Hand erfahren, warum es zu dem Kritikaustausch der jeweiligen Beteiligten kam und haben dafür ein Interview mit dem beteiligten Sprecher, Patrick Baehr, geführt, welches ihr euch nun durchlesen könnt.

Japaniac: Warum entschlossen Sie sich, genau bei den Synchronaufnahmen von „Gate” Stellung zu beziehen, lag das an der großen Kritik-Welle, die passierte oder fühlten Sie sich als Synchronsprecher dazu verpflichtet, Ihren Standpunkt bei diesem Thema zu vertreten?

Baehr: Ich bin erst am Freitag durch den Hinweis eines Kollegen auf das Projekt und das dazugehörige „Making Of“-Video aufmerksam geworden. Ein Arbeitsverhältnis zwischen LAB SIX und/oder Anime House und mir gab es bisher nicht. Was genau mich dazu bewegt hat, Stellung zu beziehen, kann ich nicht sagen. Vielleicht war es der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. In den letzten Jahren hat es leider immer wieder verstärkt Negativbeispiele für Synchronisationen – nicht nur im Bereich Anime – gegeben, die weder an den Konsumenten, noch an der Synchronbranche vorbeigegangen sind.

Es ging mir nicht darum, jemanden offiziell anzuprangern, allerdings hat es mich schon gereizt, herauszufinden, ob Anime House an fachlicher Kritik interessiert ist.

Im letzten Jahr habe ich mich in einem Interview bereits zum Thema „Feedback für Synchronisationen” geäußert. Nur konstruktive Kritik kann ein Umdenken bewirken. „Das ist gut”, „das ist schlecht” ohne eine Erläuterung ist nicht wirklich förderlich.

Auch ist es für die Konsumenten sicherlich gut, zu wissen, dass die „Synchronwelt“ viele Probleme ähnlich sieht.

Japaniac: Schritt der IVS von selbst ein oder berichteten Sie ihm, was zur Zeit für „Streitigkeiten” herrschten?

Baehr: Ich empfinde den betroffenen Wortwechsel nicht als Streiterei. Die Kollegen sind über Facebook gut vernetzt. Informationen erreichen in ein paar Stunden einen Großteil der Branche. Letztlich war es nur eine Frage der Zeit, bis der IVS davon erfahren würde. Dass der Verband sich ebenfalls geäußert hat, freut mich sehr.

Japaniac: Wie würden Sie die Stellungnahme von „Anime House” und  LAB SIX sound&media beschreiben? Empfinden Sie diese Aussagen als wahr und gerechtfertigt oder waren das schlichte Antworten, um sich die Fans vom Kragen zu halten?

Baehr: LAB SIX hat relativ zeitnah auf meinen Kommentar geantwortet, was an und für sich gut ist. In meinen Augen hat die Firma jedoch mit ihren Erklärungen und ihrer Wortwahl nicht auf meine Anmerkungen reagiert, sondern sich eher noch weiter in die Nesseln gesetzt. Dass man mir in einigen Punkten ausschließlich indirekt fachliche Inkompetenz vorgeworfen hat, statt argumentativ zu antworten, zeigt klar auf, welche Taktik hinter der „Erklärung“ steckt.

Anime House hat sich deutlich später geäußert und hinter LAB SIX gestellt. Gleichzeitig wurde kritisiert, dass es den Publisher nichts anzugehen hat, wie ein Synchronstudio arbeitet. Wen sollte es denn sonst interessieren, wenn nicht gerade den Auftraggeber? In meinen Augen ist das ein klares Statement gegen Qualität und für weitere Einsparungen in der Zukunft.

Japaniac: Sie schrieben, dass ein Cutter oder eine Cutterin nicht gerade die billigsten Arbeitskräfte wären, was bedeutet, dass Sie den/die fehlende/n Cutter/in als eine Einsparungsmöglichkeit betrachten?

Baehr: Definitiv. Ein guter Cutter bzw. eine gute Cutterin hat den Beruf im besten Fall mehrere Jahre gelernt oder kommt aus einem verwandten Berufszweig. Seine bzw. ihre Anwesenheit hat i.d.R. einen enorm positiven Effekt auf das Endergebnis einer Produktion. Nicht umsonst wurden vor mehreren Jahrzehnten die Aufgabenbereiche im Studio klar aufgeteilt. Tonmeister, Cutter, Regie – alle arbeiten gemeinsam mit dem Schauspieler vor dem Mirko zusammen, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Technische Entwicklungen haben die Arbeit im Atelier sicherlich beschleunigt und erleichtert, aber sie kann einen Menschen heute definitiv noch nicht ersetzen.

Ohne Cutter(in) zu arbeiten ist folglich ein Qualitätsmanko. Gleichzeitig führt die Einsparung der Position zu einer Wettbewerbsverzerrung. Wer mehrere Hundert Euro in der Woche einspart, kann Synchronisationen zu ganz anderen Preisen anbieten als seine Mitbewerber.

Es geht dabei aber nicht nur um Animeproduktionen. Wer durch Netflix stöbert, wird gerade bei den Eigenproduktionen immer wieder auf schlechte Synchronisationen stoßen. Ich vermute, dass es die Auftraggeber einfach nicht interessiert, was am Ende über die Bildschirme flackert. Hauptsache es hat eine deutsche Tonspur und war günstig. Der Zuschauer wird für dumm verkauft.

Auch in anderen Bereichen wird gespart: Gagen für Dialogbuch und -regie, Vergütungen für Tonmeister, Sprechergagen … An vielen Enden kann gedrückt werden, aber nur sehr selten wird der Qualitätsverlust kompensiert.

Japaniac: Was würden Sie, nach dieser Aktion, jedem Synchronstudio empfehlen?

Baehr: Ich würde mir eher etwas wünschen, nämlich dass in der Branche allgemein wieder mehr auf Qualität geachtet werden würde. Ein erster Schritt wäre sicherlich, nicht immer nur „ja und amen” zu sagen. Immer mehr Produktionen haben beispielsweise solch einen Zeitdruck, dass Synchronschauspieler mitten in einer Staffel umbesetzt werden müssen, weil sie mal eine Woche krank sind. Kaum eine Firma traut sich, dem Kunden klarzumachen, dass man unter extremen Bedingungen nicht die gewohnte Qualität abliefern kann.

Japaniac: Wir sind froh, dass sich anscheinend auch die Profis dieser Branche damit befassen und bedanken uns recht herzlich für die Zeit und Mühe, die Sie investiert haben und hoffen, dass in nächster Zeit, bei jeglicher Art von Synchronisation, mehr auf Qualität geachtet wird.

Bleibt gespannt, denn wir haben noch einige weitere Interviews durchgeführt, die wir in nächster Zeit veröffentlichen werden.

  • Als Sprecher kennt man ihn dann doch eher unter dem Namen „Patrick Baehr“, würde ich auch so im Artikel verwenden sonst fragen sich die Leser wer dieser mysteriöse Patze sein soll 😉

    PS: Beziehen sich die weiteren Interviews auf das gleiche Thema oder gehts um etwas ganz anderes?

    • Haben wir geändert, bevor du fertig gelesen hast^^ … Und ja, die weiteren Interviews sollen verschiedene Meinungen zum selben Thema geben, damit unsere Leser eine eigene Meinung bilden können 🙂