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Interview mit Mamoru Hosoda

Regisseur von „Der Junge und das Biest“

Wir wurden zum Japanischen Film Festival in Hamburg eingeladen, um uns die Deutschlandpremiere von „Mirai – Das Mädchen aus der Zukunft“ anzuschauen. Passend dazu hatten wir die einmalige Gelegenheit mit dem Regisseur des Films, Mamoru Hosoda, zu reden. 

Mamoru Hosoda ist für viele weltbekannte Animationsfilme verantwortlich und hat das Animationsstudio Chizu gegründet. Zu seinen Werken zählen „Summer Wars“, „Das Mädchen, das durch die Zeit sprang“, „Der Junge und das Biest“ und „Ame und Yuki – Die Wolfskinder“. In 30 Minuten durften wir alles fragen, was unserem Team durch den Kopf ging und dabei haben wir einige interessante Dinge aus Hosoda-senseis Leben und den Studioalltag erfahren.

Anmerkung: Das Interview wurde mittels eines Dolmetschers geführt, sodass alle Antworten in dritter Person formuliert wurden. Für das Interview haben wir alle Antworten deshalb in Ich-Form geschrieben.


Japaniac: Vielen Dank erst einmal für das Interview, Herr Hosoda. Zu der ersten Frage: Ihr Studio ist noch recht jung, bringt jedoch weltweite Erfolgsfilme hervor. Haben Sie Ihre Ziele schon erreicht und wenn nicht, was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Hosoda: Vielen Dank. Ich fühle mich noch auf keinen Fall am Ziel. Das Studio ist noch recht jung und ich fühle mich auch nicht berühmt. Mein Ziel ist es weiterhin interessante Anime zu produzieren und die Möglichkeiten des Anime weiterhin auszubreiten. Diese Reise habe ich gerade erst begonnen.

Japaniac: Ihr Mitbegründer des Studios, Yuichiro Saito, hat damals bereits die Bedeutung hinter dem Studionamen Chizu verraten, sind Sie der Philosophie in Ihren Augen bereits gerecht geworden?

Hosoda: Wie Sie schon richtig mitbekommen haben, handelt es sich bei dem Wort Chizu um eine Karte. Also eine Weltkarte allgemein, aber die Karte in meinem Sinne ist eine Karte, die noch entdeckt werden möchte. Damit beschreibe ich die Möglichkeiten des Anime. Während Filme seit über 100 Jahren existieren und viele berühmte Regisseure bereits ihr Werk beendet haben, gibt es im Bereich des Anime noch nicht so viele Regisseure und die Geschichte ist noch relativ jung. Dementsprechend ist das die Reise ins Unbekannte und ins Ausprobieren. Eine Herausforderung, die ich noch auf mich nehmen möchte. Somit sehe ich mein Studio als unerforschte weiße Karte.

Japaniac: Auf der Webseite bewerben sie Ihr Studio außerdem als kleinstes Animationsstudio der Welt. Wollen Sie das so lassen oder streben Sie ein größeres Team mit mehreren Produktionen parallel an?

Hosoda: Haha, das hat gar nicht so viel zu bedeuten.Vielleicht sollten wir den Slogan bald entfernen, denn die Frage höre ich ständig. Das ist inzwischen gar nicht mehr so wahr. Vielleicht sollten wir statt „kleinstes“ lieber „mittelgroßes“ schreiben. Aber das weiß ich bisher noch nicht.

Japaniac: Ihre Filme erscheinen im Abstand von drei Jahren bisher. Dürfen wir dann den nächsten Film 2021 erwarten oder werden Sie das beschleunigen?

Hosoda: Zielsetzung ist tatsächlich 2021 passend zum 3-Jahres-Rhythmus. Dieser hat den Hintergrund, dass wenn ich eine Idee bzw. ein Konzept habe, auch gar nicht so lange fackeln möchte. Es gibt natürlich großartige Filme, bei denen – nachdem das Konzept steht – 5–10 Jahre vergehen, bis diese auf die Leinwand kommen. Ich befürchte jedoch immer, dass das Thema nicht unbedingt zeitgemäß ist oder ein bisschen veraltet sein könnte, da die Zeit sich eben schnell verändert. Dementsprechend möchte ich etwas Neues in diesem Tempo herausbringen, sodass das Thema nicht veraltet.

Auf der anderen Seite sind Anime jedoch sehr aufwändig und nichts, was man auf die Schnelle machen kann. Zumindest nicht, wenn es ein Werk werden soll, welches später in der Filmgeschichte eine feste Position findet. Deshalb bin ich der Meinung, dass zwei Jahre vielleicht zu kurz und drei Jahre genau richtig sind. Da hat man zwar auch Zeitdruck, aber es ist die ungefähr realistische Zeitspanne, in der man ein gutes Animationswerk hervorbringen kann. Mein Ziel ist es also in drei Jahren erneut ein Werk herauszubringen.

Japaniac: Dann freuen wir uns mal auf 2021! Nun zum allgemeinen Alltag im Studio. Wie sieht dieser bei Ihnen aus während einer Filmproduktion?

Hosoda: Also, ein normaler Tag beginnt so gegen 10 Uhr mit einem Meeting. Dort treffen sich alle Departments und besprechen beispielsweise Design, Zeichnungen und Animationen. Dann setzen sich alle an ihren Platz und arbeiten. Bis abends wird dann meistens durchgearbeitet. Wir würden oft gern um 20 Uhr Feierabend machen, aber meistens wird es eher 22 oder 23 Uhr. Die Work-Life-Balance ist damit nicht optimal, weshalb die Überlegung besteht, ob man nicht etwas früher anfängt und dafür auch etwas früher aufhört. Also dass man dann um 8 Uhr anfängt und um 20 Uhr aufhört.

Japaniac: Das klingt nach einem harten Arbeitsalltag. Haben Sie denn bei Ihren Projekten bestimmte Rituale, denen Sie im Entwicklungsprozess nachgehen?

Hosoda: Eher Gewohnheiten. Feste Rituale oder so etwas habe ich nicht, weil eben mein Leben und Arbeitsalltag sehr unterschiedlich sind. Mal bin ich im Meeting, mal im Studio. Es kann auch sein, dass ich während der Storyboard-Phase in meinem eigenen Büro in der Nähe vom Park arbeite. Angewöhnt habe ich mir beispielsweise, jeden Morgen mit meinen Kindern zu frühstücken. Das wäre wohl meine einzige Angewohnheit.

Japaniac: Für die Work-Life-Balance sozusagen?

Hosoda: Das ist mehr oder weniger die einzige Chance sich mit den Kindern zu unterhalten. Denn wenn ich nach Hause komme, liegen die Kinder meistens schon im Bett.

Japaniac: Gab es ein Projekt, an dem Sie besonders gehangen haben, und wieso?

Hosoda: Es gibt keine Präferenzen bei mir. Wenn, dann würde ich an jedem Werk hängen. Ich hatte immer gute Mitarbeiter und vor allem waren die Werke, die ich zu jener Zeit gemacht habe, immer zum richtigen Zeitpunkt. Also die Reihenfolge ist nicht anders vorstellbar. Zum Beispiel „Der Junge und das Biest“ – das letzte Werk – hätte ich mir von der Reihenfolge nicht vor „Das Mädchen, das durch die Zeit sprang“ vorstellen können. Es kam alles so, wie es kommen sollte und damit bin ich sehr zufrieden. Dementsprechend haben alle Werke eine Bedeutung für mich.

Natürlich ist „Das Mädchen, das durch die Zeit sprang“ etwas, was mich in diesem Business etabliert hat, weshalb das vielleicht etwas Epochales ist.

Japaniac: Also haben Sie doch eine leichte Präferenz. Nun zu Ihrem neuen Werk. Was war das forderndste an „Mirai – Das Mädchen aus der Zukunft“?

Hosoda: Das Herausforderndste war natürlich die Darstellung des vierjährigen Jungen. Es gab bisher nur wenige Anime-Filme, die einen vierjährigen Jungen als Hauptdarsteller hatten. Also ganz alte Filme gibt es vielleicht doch. Und dementsprechend war das Herausforderndste die Mimik, das Verhalten. Wie geht zum Beispiel ein vierjähriges Kind, wie werden die Gewichte verlagert bei dem Jungen. Das ganze Verhalten darzustellen war das Schwierigste. Im Endeffekt bin ich jedoch der Meinung, dass es mir sehr gut gelungen ist. So gesehen habe ich auch diese Herausforderung gemeistert.

Japaniac: Das haben Sie definitiv! Sie haben ja in anderen Interviews bereits erwähnt, dass Ihre Kinder als Vorbild für die Geschwisterthematik in „Mirai no Mirai“ (japanischer Titel) gedient haben. Aber haben Sie auch eigene Geschwister, von denen Sie Inspiration erhalten haben?

Hosoda: Als Erstes muss ich dazu sagen, dass ich ein Einzelkind bin. Deswegen werden vermutlich viele denken, warum mach ich überhaupt einen Film über Geschwister, obwohl ich selbst Einzelkind bin. Es ist jedoch so, dass mein Sohn nun eine kleinere Schwester hat, was mich etwas neidisch gemacht hat auf mein Kind. Denn er wird etwas durchleben, was ich so nie erleben durfte und auch nie werde. Das war für mich der Anreiz diesen Film zu erschaffen, weil es etwas Unbekanntes für mich war, was mich sehr interessiert hat und ich in der glücklichen Situation war diesen Prozess mitzubekommen.

Auch bei den anderen Filmen wie beispielsweise die Wolfskinder. Dieses Werk ist entstanden, als wir als Ehepaar noch kein Kind hatten. Der Wunsch war jedoch sehr stark ein Kind zu haben, dementsprechend hatte ich großes Interesse daran ein Werk zu erschaffen, wo eben Kinder und Erziehung eine Rolle spielen. Auch bei „Der Junge und das Biest“ war der Zeitpunkt wichtig, da mein erster Sohn schon da war und ich das erste Mal in die Vaterrolle getreten bin, was ich in meinem Werk darstellen wollte. Also wie es ist, einen kleinen Jungen zu haben, den man nun erziehen muss. Das hat eben immer etwas mit meinen persönlichen Erfahrungen zu tun.

Japaniac: Als ich „Mirai no Mirai“ gestern gesehen habe, ist mir aufgefallen, dass der Film die exakte Definition einer Parabel in der Literatur ist. Wurde das bewusst von Ihnen so gemacht, dass die Geschichte zwei Lehren hat, die der Zuschauer bekommt? Also durch ein Gleichnis, welches ja auch im Film über das Leben verdeutlicht wurde.

Hosoda: Das ist in der Tat beabsichtigt. Natürlich wird man durch das Kind im Film belehrt, was es heißt, Kind zu sein. Denn wenn man erwachsen wird, vergisst man vieles aus der Kindheit und das ist dann nochmal eine Gelegenheit, wo man objektiv sieht, wie es ist aufzuwachsen. Also wenn man erwachen geworden ist, ist zum Beispiel ein Wandel nicht so einfach wie während der Kindheit. Wenn man selber sieht, wie das Kind Tag für Tag einen sehr dynamischen Wandel durchlebt, wird man auch selbst als Erwachsener nochmal motiviert sich neu zu erschaffen.

Es ist zum Beispiel nicht einfach als Erwachsener eine Diät zu machen oder einen anderen Job zu bekommen. Das soll dabei als Motivation dienen. Der Film ist dabei gut für Kinder, als auch erwachsene Menschen, die so nochmal erleben können, was es heißt, Kind zu sein. Das ist das, was ich gerade auch erlebe und in meinem Film weitergeben möchte.

Japaniac: Unsere Zeit ist leider um. Vielen lieben Dank für das interessante Interview sowie die spannenden Einblicke. Wir wünschen Ihnen eine gute und sichere Heimreise!


Während der Deutschlandpremiere am Abend vorher durften Zuschauer Hosoda-sensei bereits ein paar Fragen stellen. Wir möchten euch die Antworten hierzu natürlich nicht vorenthalten. Deshalb hier alle nennenswerten Infos aus dem FAQ-Panel (SPOILER):

  • Hosoda hat zwei Kinder. Einen älteren Jungen und eine jüngere Tochter, so wie im Film „Mirai“
  • Seine Tochter hat einen ähnlichen Namen wie Mirai, verrät ihn jedoch nicht
  • Der Film soll für alle Altersklassen sein, auch wenn ihn erst Erwachsene verstehen
  • Die Idee mit dem Haus im Film stammt von einem Architekten und soll den Jungen und sein Wachstum mittels Treppen darstellen. Er steigt die Treppen so wie das Alter hinauf
  • Die Bahnhofsszene am Ende des Films soll aus Sicht des Kindes das Wirrwarr darstellen und das Bizarre hinter dem ewigen Kreislauf der Bahnfahrer. Hosoda hat sich als Kind im Bahnhof verlaufen und wollte die befremdliche und angsteinflößende Atmosphäre darstellen
  • Die epochale Musik am Ende des Films, wo der Familienbaum gezeigt wird, soll alle Zeitlinien repräsentieren
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