Auf der Leipziger Buchmesse hatte Japaniac die Gelegenheit, mit dem deutschen Publisher KAZÉ ein Interview zu führen. Wir hatten das Vergnügen mit der Pressesprecherin Frau Beran. Im Interview wurden Fragen zur deutschen Fansub-Szene, der Ausrichtung KAZÉs in der Zukunft und zum Prozess der Lizenzierung eines Anime erörtert.

Japaniac: Wie geht KAZÉ mit dem immer größer werdenden Angebot von Streaming-Diensten für Anime in Deutschland um? Damit meine ich z.B. myVideo, Crunchyroll und Clipfish.

Frau Beran: Wir nehmen das zur Kenntnis. Das sind legale Angebote und wir beobachten die Situation. Hier stehen sich zwei Modelle gegenüber. Unser Paid-Content-Modell und ein werbefinanziertes Modell (das Modell von myVideo oder Clipfish). Wir stehen zum Paid-Content, aus verschiedenen Gründen: Zum einen sollten die, die ein Produkt wirklich haben wollen, auch bereit sein, dafür zu zahlen. Das ist bei Anime nicht anders als bei Brötchen vom Bäcker oder Kleidung bei C&A. Außerdem sind wir der Meinung, dass ein Produkt gratis anzubieten, dieses entwertet. Denn das werbefinanzierte Modell führt dazu, dass für den Nutzer der Unterschied zwischen legalen und illegalen Angeboten verschwindet. Wie soll ein Nutzer den Unterschied zwischen legalen Gratisangeboten und Piraterie erkennen?

Weiterhin darf man nicht vergessen, dass Paid-Content dem Kunden Vorteile bietet. Da wären zu nennen: ein werbefreies Produkt zu bekommen und eine Serie komplett anschauen zu können – bei uns gibt es nicht den Fall, wie oft bei den werbefinanzierten Anbietern vorgefunden, dass wir eine halbe Staffel als Teaser streamen und den Rest exklusiv für Abonnenten zeigen.

Japaniac: Wie sieht KAZÉs eigenes Streaming-Portal in Deutschland aus?

Frau Beran: Wir bieten über unser hauseigenes Portal Anime on Demand (AoD) Anime als Streams an. Dabei wird die erste Folge kostenlos zur Verfügung gestellt, um dem Zuschauer einen Eindruck vom Anime zu geben. Danach kann er sich entscheiden, ob er für die weiteren Episoden bezahlen möchte. Wir glauben an unser Paid-Content-Modell und sehen es über dem werbefinanzierten Modell.

Japaniac: Wie sieht die Zukunft des Paid-Content-Modells von Anime on Demand aus? Streaming oder Download?

Frau Beran: Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir zunächst grundsätzlich zwischen Download- und Streaming-Angeboten unterscheiden. Beides sind unterschiedliche technische Zugänge des Nutzers zu Videos, die im Internet angeboten werden. Bei Downloads lädt der Nutzer die Datei, in der das Video digital kodiert ist, zunächst vom Server des Anbieters auf sein Endgerät runter und startet dann die Video-Datei mit einer geeigneten Player-Software. Streams funktionieren wie Fernsehen, also über Click & Play. Die Videodateien werden direkt auf dem Abspielgerät des Nutzers angezeigt, ohne dass die Dateien dauerhaft auf seinem Gerät gespeichert werden.

Beide Varianten haben Vor- und Nachteile. Downloads funktionieren auch bei weniger leistungsstarken Internetverbindungen. Die Videos können nämlich offline angeschaut werden. Der Nachteil von Downloads ist allerdings, dass der Abruf der DRM-Lizenzen etwas umständlich ist und die Videos nur auf den Geräten abgespielt werden können, von denen vorher der Lizenzschlüssel abgerufen wurde. Streams sind demgegenüber sehr einfach zu handhaben. Der Nutzer kann die Anime auf jedem hard- und softwaretechnisch geeigneten Endgerät abspielen. Der Nachteil von Streams ist: Sie erfordern eine stabile leistungsstarke Internetverbindung, weil die Videos nur online abgespielt werden können. Die Marktentwicklung von Video-Angeboten im Netz zeigt deutlich, dass die Download-Technik nur eine Übergangslösung ist, solange stabile Internetverbindungen nicht überall und mit großer Bandbreite verfügbar sind. Streaming ist unstrittig die Technologie der Zukunft. AoD wird sich deshalb zukünftig auf den Ausbau von Streaming-Angeboten konzentrieren.

Japaniac: Und was ist mit Kooperationen? Plant KAZÉ solche mit anderen Anbietern wie Daisuki.net?

Frau Beran: Dazu können wir im Augenblick keine Auskunft geben. Jedoch bieten die meisten Plattformen – wie auch Daisuki.net – keine Möglichkeit an, Anime zu kaufen. Wir sprechen uns jedoch ganz klar für Paid Content aus, wie bereits ausführlich erläutert.

Japaniac: Verständlich. Wenden wir uns doch mal dem Bereich des Fansubs zu. Wie geht KAZÉ in Zukunft mit Fansubs um? Wird eine Zusammenarbeit mit Fansub-Gruppen, wie es schon Peppermint Anime gemacht hat, geplant bzw. erwogen?

Frau Beran: Es gibt weltweit kein anderes Unternehmen, das derart kooperativ mit Fansubbern arbeitet wie KAZÉ. Die von uns initiierte und koordinierte Anime Copyright Allianz (ACA) ist eine Kooperation zwischen Fans und Publishern. Engagierte Fans beobachten, welche japanische Serie wann lizenziert wird, und ob etwaige Fansubs der Serie dann von ihren Sub-Teams aus dem Netz genommen werden. Wird das nicht gemacht, dann macht das die Task-Force der ACA, die selbst aus Fansubbern besteht.

Zur Zusammenarbeit möchte ich auf das Bakuman-Projekt hinweisen, das für uns ein erster Test war, ob und wie die Zusammenarbeit mit Fansubbern funktioniert. Das Projekt wurde komplett von Fansubbern ehrenamtlich realisiert und auf AoD veröffentlicht. Die nächste Stufe dieser Zusammenarbeit ist unser Simulcast-Programm: Bei Hamatora und Nisekoiwurden die Untertitel von Fansubbern angefertigt, die als professionelle Dienstleister arbeiten und bezahlt werden. Somit wird es wohl noch einige Kooperationen mit der Fansub-Szene geben.

Japaniac: Interessant. Kommen wir nun zum Thema Lizenzierung. Wieso lizenziert KAZÉ nicht mehr Anime, die sich in Japan großer Beliebtheit erfreuen? Welche Hürden gibt es bei einer Lizenzierung?

Frau Beran: Zunächst möchte ich auf den Podcast der Otakutimes (zum Podcast) verweisen, welcher die Schritte einer Lizenzierung und die Probleme, die dabei auftreten, erklärt. Da dies geklärt ist, muss ich deutlich machen, dass wir nicht das komplette Spektrum des japanischen Anime-Angebots nach Deutschland bringen können: Dies liegt zum Teil daran, weil z.B. in Japan gefeierte Erfolge wie Doraemon oder Anpanman für Kinder gemacht sind. Und in Deutschland bilden Kinder bisher nicht die Zielgruppe für Manga und Anime.

Außerdem muss, was in Japan erfolgreich ist, in Europa oder den USA nicht unbedingt genauso erfolgreich sein. Z.B. ist K-ON in Deutschland sehr erfolgreich, in Frankreich aber nicht. Wiederum sind in Frankreich Serien wie Saint Seiya oder Fist of the North Star Riesenerfolge. In Deutschland sind sie eher unbekannt. Auch Mecha-Kult-Klassiker wie Patlabor oder Gundam sind in Japan stets beliebt. In Deutschland ist die Fan-Community für diese Titel sehr klein, auch wenn sie treu ist.

Und dann gibt es noch den Fall, dass eine Lizenz, die bei den Fans sehr beliebt ist, gar nicht zur Verfügung steht. Das prominenteste Beispiel ist hier sicherlich Sailor Moon – eine Serie, die man ohne Zweifel als die am meisten gewünschte der letzten Jahre bezeichnen kann. Acht Jahre haben wir um diese Lizenz verhandeln müssen, weil sich Lizenzgeber in Japan gegenseitig blockiert haben. In anderen Fällen warten die japanischen Lizenzgeber ab, ob sich die ausländischen Interessenten gegenseitig im Preis hochbieten. Kurz: Nicht alles, was Fans (und wir) sehen möchten, geben die Japaner so schnell heraus.

Allerdings ändert sich das System gerade. Viele Lizenzgeber setzen verstärkt auf Simulcasts, was deutsche Publisher vor ganz neue Herausforderungen stellt. Früher konnten wir den japanischen Markt beobachten und den Erfolg dort als Gradmesser verwenden (unter Berücksichtigung regionaler Besonderheiten, siehe Fist oft the North Star). Das geht heute oft nicht mehr, weil manche Lizenzen schon angeboten werden, bevor die erste Episode fertig ist. Da muss ein Lizenzeinkäufer allein auf Grundlage einer kurzen Inhaltsangabe, einiger Screenshots, eines Key Visuals und eines Teaser Trailers entscheiden. Dies birgt allerdings ein großes Risiko.

Japaniac: Nun zu meiner letzten Frage: Tokyopop versucht sich seit einiger Zeit an Manhwa, also koreanischen Manga. Plant KAZÉ ähnliche Projekte im Manga-Bereich?

Frau Beran: Ausschließen möchten wir nichts. Wir sind an guten Geschichten und Zeichnungen interessiert. Und wer weiß, wenn wir einmal einen tollen Stoff aus Korea finden, den wir unbedingt machen wollen, werden wir uns nicht verschließen. Aber für die unmittelbare Zukunft ist noch kein Manwha in Sicht.

Japaniac: Vielen Dank für das Interview und bis zum nächsten Mal!

Habt ihr auch Fragen an KAZÈ? Schreibt sie in die Kommentare oder schickt sie an info@japaniac.de, damit sie vielleicht im nächsten Interview gestellt werden.  ;-)

QUELLEKAZÉ

Ehemals studierte ich Japanologie und Sinologie in Frankfurt. Mittlerweile bin ich im (Online-)Marketing international aktiv und leite den Japan-Bereich der EpicCon (epiccon.de).
Japaniac startete als Hobby, um meine Zuneigung zur japanischen Kultur auszuleben. Dabei werde ich von Gleichgesinnten unterstützt!