Das Leben als Seiyuu in Japan

Synchronsprecher oder auch Seiyuu hauchen unseren Anime erst richtiges Leben ein und prägen diesen sehr. Doch die wenigsten Zuschauer fragen sich, wie alles hinter der Animation zugeht. Was machen die Seiyuu? Wie viel verdienen sie? Und wie ist das Leben als japanischer Synchronsprecher? Wir wollen dir mit diesem Beitrag einen kleinen Einblick in diese unbekannte Welt geben.

Inhalt

  1. Der Lange Weg zum Seiyuu
    1. Die steinige Schulausbildung
  2. Das Leben als Seiyuu
    1. Das Casting
    2. Vitamin B ist vital!
    3. Das Leben als Seiyuu ist stressig
  3. Wie viel verdienen Seiyuus in Japan?
    1. Das trügerische Rang-System
    2. Die Japan Actors Union
    3. Gehalt vs. Realität
    4. Gehaltsrechnung der Seiyuus
    5. Halbtags bei McDonalds
    6. Geld ist Geld
  4. Fazit

Der lange Weg zum Seiyuu

Der Weg zum Synchronsprecher ist lang und beschwerlich. Und am Ende schaffen es nur die Wenigsten. Doch schauen wir uns mal an, warum das so ist.

Wie wird man eigentlich Seiyuu bzw. Synchronsprecher? Es gibt dabei verschiedene Möglichkeiten. Eine ist der Quereinstieg über eine andere Branche. Hier haben Sprechrollen in anderen Zweigen der Industrie gute Chancen, zum Beispiel Rundfunk-Schauspieltruppen, Kinderschauspieler mit guten Stimmen, Theaterschauspieler, Musiker und Idole. Doch dieser Einstieg ist wohl eher ein Abstieg, wenn wir uns weiter unten die Bezahlung der Seiyuus anschauen.

Die steinige Schulausbildung

Eine andere Möglichkeit ist die Teilnahme an einer „Voice Acting Academy“, also einer Synchronsprecher-Schule, zu Beginn eines Schuljahres im April. Hier gibt es eine große Auswahl für verschiedene Spezialisierungen. Typisch für den Bereich Anime sind hier z. B. die Tokyo Anime School und die Osaka Anime School. Natürlich kosten diese Schulen viel Geld. Die Tokyo Media Academy hat beispielsweise für eine zweijährige Ausbildung eine Gesamtgebühr von 1.170.000 ¥ (8.700€). Das macht 362,50€ pro Monat! Für Miete, Strom etc. müssen die Schüler auch noch Geld übrig haben, da viele aus ihrer Heimat wegziehen und somit das Wohnen bei den Eltern wegfällt.

Deshalb gehen nahezu alle Schüler auch einer Nebentätigkeit nach, um alles finanzieren zu können. Dann heißt es also Lernen, Arbeiten, zur Schule gehen und Üben. Übrigens ist die Grenze für Nebenjobs in Japan bei 29,5 Stunden pro Woche, da ab 30 Stunden die Firmen die Krankenversicherung bezahlen müssen. In Deutschland liegt die Grenze hierfür bei 20 Stunden pro Woche bzw. 450€ pro Monat. Das alles unter einen Hut zu bringen, ist dabei gar nicht so einfach und Erschöpfung ist ein typisches Symptom in der Szene.

In den verschiedenen Akademien werden jedoch nicht nur die verschiedenen Sprachstile studiert. Auch traditioneller und moderner Tanz, Schauspielerei, Mimik und Sport. Ja, Sport! Als Seiyuu musst du fit sein, um den Alltag zu meistern. Außerdem werden Rhetorik, Business Skills für Verhandlungen, Styling für die spätere Außendarstellung und Expressionismus gelehrt. Expressionismus ist hier die Darstellung der eigenen Aussagekraft, um die eigenen Emotionen bei Castings korrekt rüberzubringen. Und das zwei Jahre lang.

Doch der Gang zur Schule reicht nicht aus. Derzeit sind circa 300.000 angehende Seiyuus in den Voice Actor Acedemies in Japan am Lernen. Doch laut einem Urgestein der Szene, Hiroshi Ohtake (82), schafft es gerade einmal jeder Hundertste zum Seiyuu. Das sind etwa 1.500 Synchronsprecher jedes Jahr, die sich in die verschiedensten Branchen aufteilen (Radio, Sprechen westlicher Filme, Erzähler, Schauspieler, Komödiant etc.). Am Ende schaffen es nur wenige in die Anime-Branche. Auch weil nicht jede Stimme geeignet ist für einen Anime-Charakter.

Im Anime Bakuman. schimmert diese Welt der Konkurrenz und des Stresses etwas durch, da die Geliebte des Protagonisten eine Seiyuu werden will und den Prozess der Schule und der Castings durchläuft. Ihr Traum ist es, eine Sprechrolle für den anvisierten Anime des Freundes zu erhalten, der auf dem Weg ist, ein Mangaka zu werden. Wer den Anime noch nicht geschaut hat, sollte es jedenfalls nachholen.

HYDE von der Rockband VAMPS (l.) & Morikubo Shotaro (Seiyuu von „KOOGY“ (r.) sprechen für Bakuman.
HYDE von der Rockband VAMPS (l.) & Morikubo Shotaro (Seiyuu von „KOOGY“ (r.) sprechen für Bakuman.

Wer übrigens darauf hofft, einfach gefunden zu werden, muss verdammt viel Glück haben. Nur 1 bis 2 Personen mit markanten Stimmen werden von Talentagenturen jedes Jahr gefunden. Jedoch müssen auch diese dann eine Akademie besuchen, um professionell zu werden.

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Das Leben als Seiyuu

Derzeit sind etwa 1.500 aktive Seiyuus in der Anime-Branche angesiedelt. Es besteht also ein harter Wettbewerb untereinander. Man hat die Miete zu zahlen, muss also genügend Rollen ergattern, um sein Leben finanzieren zu können. Doch das klingt leichter als gesagt.

Das Casting

Die Castings laufen in etwa immer nach dem Schema F ab:

1. Ein Treffen zwischen den Autoren, Produzenten, Sponsoren, Regisseuren und Sound-Regisseuren. Dort wird erst einmal festgestellt, was für welchen Charakter gesucht und gewünscht wird.
2. Danach kontaktiert der Sound-Regisseur die Agenturen, um ihnen den Termin und die möglichen Rollen mit Skripten für das Castin zu übermitteln.
3. Nun findet das Vorsprechen statt und jeder gibt sein bestes.
4. Jetzt gibt es noch mehr Treffen zwischen den Verantwortlichen und eine Entscheidung wird gefällt.
5. Die Agenturen erfahren von der Entscheidung und geben die Nachricht ihren Seiyuus weiter.

Das ist in etwa der Ablauf. Jedoch fehlen da ein paar Details. Zunächst einmal wird beim ersten Treffen viel mehr besprochen. Das Budget ist dabei sehr wichtig. Wie viel können wir einer Seiyuu bezahlen? Welche Zielgruppe sprechen wir an? Welche Charakterstile suchen wir? Ist Gesang nötig? Wie viele Seiyuus brauchen wir für den Anime?

Nachdem das alles geklärt ist, kann endlich die Stellenausschreibung mit den jeweiligen Skripten erstellt werden, sodass sich Seiyuus vorbereiten können. Jedoch kann sich eine Synchronsprecherin nicht einfach ihre Rolle aussuchen, sofern sie kein Freelancer (Freiberufler) ist. Nein, die Agenturen suchen sich die passenden Seiyuus für das Casting aus. Meist ist hier auch Sympathie entscheidend, sodass das Ganze zu einem Schleimerei-Wettbewerb ausarten kann. Je besser sich ein Seiyuu mit einer Agentur versteht, desto höher sind die Chancen auf viele Castings.

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Natürlich ist das nicht fair, aber so ist die Medienwelt nun mal. Also versuchen Seiyuus alles, um bei ihren Agenturen gut dazustehen. Ein anderer Weg ist, seine Beliebtheit unter Fans zu erhöhen, sodass der Rückhalt stärker wird und das Potenzial wächst. Denn beliebte Seiyuus bringen automatisch ihre Fans zu den jeweiligen Anime. Damit kann man schon mal ein paar Verkaufszahlen rausholen. Deshalb werden viele Seiyuus Idole und treten überall auf. Einfach, um ihren Marktwert zu steigern. Denn viele Castings bringen mehr Chancen auf Rollen, was wiederum den Lebensunterhalt sichert. Ziemlich hart, oder?

Vitamin B ist vital!

Gehen wir mal weiter. Das Vorsprechen ist entweder schon ein Jahr vor Ausstrahlung des Anime oder auch wenige Monate davor. Dabei werden meist nur Vorsprechen für Hauptcharaktere abgehalten. Die Nebenrollen darf oftmals der Sound-Regisseur selbst aus dem Portfolio der Agenturen raussuchen. Kontakt zum Sound-Regisseur kann also auch helfen, ein paar Rollen zu ergattern!

Nur Seiyuus, die einen gewissen Rang haben (siehe Gehalt), dürfen vorsprechen. Dies ist abhängig vom Budget für den Anime. Sobald die Kandidaten vor Ort vorsprechen, werden 5 bis 10 Seiyuus gleichzeitig in einen Raum gelassen, um nacheinander vorzusprechen. Das erhöht jedoch den Druck. Immerhin konkurrieren alle meist um wenige Rollen.

Nach dem Casting gibt es mehrere Auswahlverfahren. Entweder die Verantwortlichen entscheiden sich für passende Stimmen. Hier hat der Mangaka/Autor große Entscheidungsgewalt. Jedoch erlangen Studios ebenfalls immer mehr Einfluss bei der Auswahl, sodass ein Machtkampf stattfindet. Manchmal bestimmen diese sogar die Nebenrollen, wenn noch kein Sound-Regisseur eingestellt wurde. Ein anderer Weg ist über Fan-Abstimmungen, wie es derzeit bei Under the Dog passiert. Dabei dürfen Fans durch Sprach-Samples und dem Charakterdesign entscheiden, ob die Stimme passt und wählen.

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Der Mangaka Hata Kenjiro

Manchmal äußern Mangaka sogar eindeutige Wünsche, sodass es vorkommt, dass bestimmte Seiyuus immer in den Anime bestimmter Mangaka auftauchen. Hata Kenjiro zum Beispiel wollte die Seiyuu Shiraishi Ryoko für den Anime Hayate no Gotoku!.  Vitamin B ist also vital in diesem Gewerbe!

Das Leben als Seiyuu ist stressig

Wir haben gesehen, wie hart das Ergattern einer Sprechrolle sein kann. Nun schauen wir uns mal den Alltag der Seiyuus an. Da eine Episode je nach Sprechanteil zwischen einer und sechs Stunden in Anspruch nehmen kann, ist es schwierig, seinen Alltag zu planen. Dazu noch Anfahrtswege quer durch Tokyo und davor muss ja noch das Skript über mehrere Stunden eingeübt werden. Das bestimmt den Alltag eines Seiyuus. Doch was ist nach der Aufnahme im Studio?

Die sogenannte Afureko-Zeit, was man als After Recoring-Zeit übersetzen kann, spielt nämlich eine wesentliche Rolle. Abends und bei Nacht kommen nun weitere Termine dran, um den Lebensunterhalt zu verdienen. Viele Seiyuus bauen so ihre Popularität als Idol aus, indem sie bei Radio-Shows und TV-Sendungen mitmachen. Besonders beliebt sind hier Kindersendungen, da die beste Zielgruppe angesprochen wird. Außerdem sind Auftritte bei Conventions am Wochenende und bei Bedarf Nebenjobs unterzukriegen. Geschätzt wird am Ende eine Arbeitszeit von bis zu 18 Stunden am Tag. Wochenende mitgezählt!

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Wie viel verdienen Seiyuus in Japan?

Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir uns erst einmal das Stufenmodell im Business der Synchronsprecher anschauen. In Japan wird zwischen 8 großen Gruppen unterschieden. Diese spiegeln die Gehaltsklassen wider, die Seiyuus erwarten dürfen. In der unteren Grafik kannst du sehen, dass es den Junior-Rang, das A bis F-System und den NoRank gibt. Alle Gehälter gelten pro Episode und sind meist nicht davon abhängig, ob der Seiyuu viel oder wenig gesprochen hat.tier-system-seiyuu

Schlüsseln wir das ganze mal auf. Der Junior-Rang gilt für alle Anfänger in den ersten 2–3 Jahren ihrer Karriere.  Dabei verdienen diese gerade einmal 15.000 ¥ (112€), ohne Abzug von Steuern usw. Doch als Junior erhält man keine Tantiemen an Wiederholungen im Fernsehen, an DVD-Verkäufen etc. Man wird nur für die Synchronisation bezahlt. Dagegen können Junioren auch nichts unternehmen, da es eben zum Business gehört.

Das trügerische Rang-System

Danach fängt das richtige Rang-System an, das von F zu A geht. Hierbei fängt man beim F-Rang mit ca. 16.000 ¥ (120€) an und arbeitet sich hoch. Es gibt keine ordentlichen Quellen für die Ränge E bis C, weshalb diese eher Richtwerte von uns sind. Jedoch können wir sicher davon ausgehen, dass B-Rang-Seiyuus etwa 30.000 ¥ (224€) erhalten. A-Rang wäre hiernach mit 45.000 ¥ (335€) das Höchste, was eine normale Seiyuu erhält. Danach kommt nur noch die NoRank-Klasse. Diese wird großteils von über 60-jährigen Seiyuus gefüllt. Diese sind quasi Urgesteine der Anime-Szene und haben eine solch hohe Reputation, dass sie sich ihr Gehalt selbst aushandeln können. So können auch 50.000 ¥ (373€) oder mehr pro Episode herauskommen.

Doch der Aufstieg der Ränge ist lang ist beschwerlich. Eine Beförderung ist erst nach 2 bis 3 Jahren möglich. Selbst berühmte Synchronsprecher wie Kaneda Tomoko, die als Bonta-kun in Full Metal Panic? Fumoffu! oder als Boa Sandersonia in One Piece bekannt ist, zählt mit 15 Jahren Berufserfahrung gerade einmal zum B-Rang mit einem Verdienst von ca. 30.000 ¥. Denn es zählen nicht nur die Berufserfahrung oder das Alter bei der Graduierung. Die Fanbase und das Talent sind auch entscheidend. Deshalb bauen viele Seiyuus aktiv ihre Fan-Gemeinde auf und erlangen durch andere Kanäle wie als Pop-Idol oder durch Auftritte auf Conventions etc. an Beliebtheit, nur um so irgendwann aufzusteigen.

Die Japan Actors Union

Wir haben jetzt die verschiedenen Ränge mit den Bezahlungen für die Seiyuus kennengelernt. Doch gilt dies nicht für jeden. Nur Sprecher, die bei der Japan Actors Union Mitglied sind, erhalten Gehälter nach diesem Tarifsystem. Meist werden Sprecher, die nicht Mitglieder sind, auch deutlich schlechter bezahlt, sodass auch 10.000 ¥ pro Episode möglich sind. Manche Studios engagieren bewusst Seiyuus ohne Schutz der Union, weil das Budget für den einen Anime sehr gering ist und man sparen muss wo man kann. Es ist also eine Art 2-Klassen-Gesellschaft geworden. Doch warum sollte jemand nicht der Union beitreten wollen?

Tatsächlich ist die Japan Actors Union nicht für alle da. Freelancer zum Beispiel, die keiner Agentur angehören, sind meist auch nicht in der Union dabei. Diese wollen sich keiner Agentur unterwerfen, sondern selbst alles kontrollieren. Jedoch bleiben die wenigsten Seiyuus lange Freelancer, bevor sie sich einer anderen Agentur anschließen. Auch verstoßene Seiyuus, die durch einen Skandal o.ä. keine normalen Rollen mehr erhalten, werden aus der Union und der Agentur geworfen.

Gehalt vs. Realität

Einige Seiyuus aus der Union entscheiden sich bei Beförderungen jedoch dagegen. Der Grund ist die Annahme, dass man am Ende weniger Rollen erhält, da man nicht ins Budget des Anime passt. So ist die Frage, ob nicht auch Kaneda Tomoko sich gegen eine Beförderung entschieden hat, natürlich denkbar. Doch wieso würde jemand nicht für mehr Gehalt und weniger Arbeit tauschen wollen? Immerhin würde das höhere Gehalt ja die wenigeren Rollen ausgleichen, oder nicht? Um diese Frage zu beantworten, schauen wir uns mal an, was eine Seiyuu am Ende verdient und was für Lebenskosten dagegen gestellt werden.

Ein 10.000 Yen-Schein
Ein 10.000 Yen-Schein

Nehmen wir erst einmal eine Juniorin mit ihren 15.000 ¥. Diese hat in Tokyo, wo schließlich die Anime großteils synchronisiert werden, sehr hohe Lebenskosten. Tatsächlich ist Tokyo 22% teurer als Berlin. Um also in Tokyo einigermaßen leben zu können, benötigst du 201.000 ¥ (1.500€) im Monat. Darin sind Lebensmittel und die Miete bereits enthalten. Dann schauen wir doch mal an, ob eine Juniorin das hinbekommt.

Gehaltsrechnung der Seiyuus

Junior-Rang

Bei 15.000 ¥ pro Episode sind das im Monat 60.000 ¥ pro Anime. Eine Juniorin wird jedoch selten mehr als ein bis zwei Rollen pro Season erhalten, geschweige denn eine Hauptrolle. Somit ist nicht einmal sicher, ob die Juniorin in jeder Episode wenigstens eine Zeile spricht. Deshalb sind wir jetzt mal realistisch und sagen, dass sie in vier Episoden pro Monat sprechen darf. Dazu kommt noch eine Nutzungsgebühr für die Nutzung der Stimme. Dies entspricht etwa 80% des Sprechergehalts zusätzlich. Also hier noch mal 15.000*0.8 (mal 4) oben drauf. Dann haben wir Brutto 108.000 ¥ (805€). Doch jetzt müssen noch Steuern und Gebühren für die Agentur abgegeben werden. Die Agentur nimmt meist etwa 20% Provision pro Brutto-Gage mit. Der Staat will auch noch seine 10% Steuern haben. Bleiben der Junior-Seiyuu noch netto 75.600 ¥ (564€) zum Leben übrig. Das reicht hinten und vorne nicht …

B-Rang

Schauen wir uns mal an, ob Kaneda Tomoko mit ihrem B-Rang mehr Erfolg hat. Als B-Rang dürfte sie etwa 2 bis maximal 3 Rollen pro Anime-Season bekommen. Das macht dann im Schnitt 8 Gagen im Monat, wenn sie in jeder Episode dabei ist. Mit ihren 30.000 ¥ und der Nutzungsgebühr für die Rechte der Stimme hat sie dann brutto 432.000 ¥ (3.224€). Davon dann wieder die besagten 30% für Steuern und Provision abziehen und wir haben 302.400 ¥ (2.256€). Damit lässt es sich schon besser leben, aber das ist eben nur eine Ideal-Rechnung. Die Wirklichkeit ist sicherlich nicht ganz so rosig. Und man darf nicht vergessen, dass von den 1.500 aktiven Seiyuus nur wenige die Ränge A bis C besitzen (etwa 300 Seiyuus). Die meisten müssen das Minus ausgleichen.

Halbtags bei McDonalds

Doch was macht jetzt die arme Juniorin mit ihren mageren 564€ in der teuersten Stadt der Welt? Sie wird wohl oder übel einen Nebenjob suchen müssen. Der Insider Shomu Shirogane, Chef der Agentur Winner Entertainment, erzählte 2008, dass etwa 80% aller Seiyuus (von 1.600!) einen Nebenjob haben, um über die Runden zu kommen. Oftmals arbeiten diese Junioren, mcdonaldsaber auch höherrangige Seiyuus, in McDonald’s, in Cafés etc. Vielleicht wurdest du schon mal in Tokyo von einem Synchronsprecher bedient, wer weiß? Aber viel kommt dabei nicht rum. Ca. 1.000 ¥ (7,46€) pro Stunde verdienen Nebenjobber. Das ist unter unserem Mindestlohn. Da nun mal nur 29,5 Stunden pro Woche gearbeitet werden können, sind das am Ende meist nur 118.000 ¥ pro Monat. Das reicht neben den Gagen für Sprechrollen gerade mal für ein würdiges Leben.

Doch auch als Pop-Idol können sich Seiyuus über CD-Verkäufe etwas Geld dazu verdienen und ihre Reputation stärken. Die Tantiemen liegen für CD-Verkäufe von Solo-Künstlern bei etwa 1% pro CD. Es sei denn, die Seiyuus haben auch an der Musik mitgeschrieben. Bei Gesangsrollen für Openings und Endings von Anime ist es jedoch anders. Dort bekommen Seiyuus eine einmalige Gage nach Rang-System und das war’s. Junioren werden dabei öfter zu Idolen als Alteingesessene, weil sie als Unbekannte ein neues Image aufbauen können. Somit haben sie eine große Fanbase und sind für Studios gleichzeitig günstig. Auf Grund dessen werden sie von Jahr zu Jahr beliebter für Produzenten.

Geld ist Geld

Die dunkle Seite ist hier jedoch das Geschäft mit Hentais. Einige Synchronsprecher schielen auf die verruchte Seite der Anime-Industrie. Grund: Seiyuus von Hentais werden besser bezahlt. Das ist aber gefährlich, da dies bei Bekanntgabe zum Skandal und somit zum Ende der Karriere werden kann. Bekannte Seiyuus haben deshalb ein Pseudonym als Hentai-Sprecher. So auch Itou Shizuka (Hinagiku von Hayate, Haruka von Amagami SS, Wilhelmina von Shana), die im H-Business als Misaki Rina bekannt ist. Auch Imai Asami (Kurisu von Steins;Gate, Chihaya von iDOLM@STER, Yuuzuki von Kiss x Sis), als Pseudonym Eriko Toyama im Ecchi-Bereich, gliedert sich in die lange Liste ein.

Azu-nyan und ihre Seiyuu Taketatsu Ayana für den Gang in die H-Branche erstochen
Azu-nyan und ihre Seiyuu Taketatsu Ayana für den Gang in die H-Branche erstochen

Man mag davon halten, was man will. Aber irgendwie müssen Seiyuus ihr Geld verdienen, um Miete, Strom etc. bezahlen zu können. Sicher sind einige von ihnen Idole für Kinder geworden. Deshalb ist es auch so riskant, dass so etwas bekannt wird. Denn wie im Bild oben zu sehen, gibt es Fans, die es als Verrat an den Idealen ansehen und rasend vor Wut werden. Scheinbar gibt es Fans, die ihre Idole als keusche Idealisierung einer Frau sehen.

Zurück zum Thema: Andere Synchronsprecher gehen jedoch einfach in eine andere Industrie, die sie braucht. Denn die Anime-Industrie ist gerade mal auf Platz 3 der bestbezahlten Jobs. Insgesamt verdienen Synchronsprecher in der Videospiel-Branche am meisten. Darauf folgt das Spiel Pachinko und wie gesagt Anime. Noch schlechter wird nur das Sprechen für westliche Filme bezahlt.

Fazit

Das Leben als Seiyuu ist hart und undankbar. Das ist Fakt. Doch scheint es für viele trotz dieser Hürden und mageren Aussichten ein Traum zu sein, den sie bereit sind zu leben. Wer sind wir, dass wir über solch einen Traum urteilen können? Ich finde es ehrlich gesagt mutig, solch ein Leben mit vielen Höhen und Tiefen, wenig Schlaf und viel Stress zu wählen. Man sollte den Seiyuus in Japan viel mehr Anerkennung und Respekt entgegenbringen, bei solch einer Leistung.

Ehrlich gesagt ist dieser schon jetzt lange Bericht nicht einmal vollständig. Es gibt noch so viele Aspekte zu den Funktionsweisen der Agenturen, dubiosen Machenschaften etc, auf die ich nicht eingehen konnte. Ansonsten wärst du wohl kaum bis zum Fazit hier gelangt. Wir hoffen, dass dir dieser Einblick in die Welt der Seiyuus gefallen hat und würden uns über deine Meinung in den Kommentaren sehr freuen!

Übrigens gibt es einen interessanten Anime zum Thema, der das ganze natürlich ohne die extremen Schattenseiten darstellt. Dieser heißt Sore ga Seiyuu! und ist durchaus einen Blick wert. Den Manga gibt es bereits auf Deutsch im Handel und bei Amazon. Zum Manga->

Ehemals studierte ich Japanologie und Sinologie in Frankfurt. Mittlerweile bin ich im (Online-)Marketing international aktiv und leite den Japan-Bereich der EpicCon (epiccon.de). Japaniac startete als Hobby, um meine Zuneigung zur japanischen Kultur auszuleben. Dabei werde ich von Gleichgesinnten unterstützt!
  • Dangs

    Wow! Ein wirklich toller Artikel; sehr aufschlussreich und nachvollziehbar!
    Freue mich schon auf zukünftige Artikel.

    PS: Einen Teil 2 mit den am Ende erwähnten Funktionsweisen der Agenturen, dubiosen Machenschaften etc. (falls dieser irgendwann kommt) würde ich sehr gerne lesen.

    – Beste Grüße

  • Vielen Dank für diesen sehr aufschlussreichen Bericht! Ich interessiere mich schon seit so langer Zeit für Seiyuu, sodass ich auch irgendwann Anime nur noch wegen bestimmter Sprecher geschaut habe und durch Seiyuu auch erst so richtig in die Japan/Anime/Manga-Szene gerutscht bin. Ich möchte mich Dangs anschließen und über weitere Berichte freuen.

    Liebe Grüße

  • Viktor

    Richtiger cooler und interessanter Artikel. Richtig gut recherchiert. Wenn du noch ein paar Hintergrundinformationen hast nur raus damit. Würde gerne mehr über das Leben der Seiyuu lesen.

  • Sareno

    Und da heißt es, einen Anime zu entwickeln wäre mit vielen Kosten verbunden…. Wie soll man das nachvollziehen, wenn das Gehalt aller die an Anime XY arbeiten gegen 0 gehen? Gut zu wissen, dass auch diese Arbeitergruppe praktisch ausgebeutet wird. GJ