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Wir von Japaniac haben uns schon die Manga-& Anime-Industrie zur Brust genommen und Interviews mit den Publishern geführt. Eine weitere Sparte, die vor allem bei der Anime-Produktion sehr wichtig ist, die Synchronisation. Dabei haben wir vier der größten Anime-Synchronsprecher interviewt und sie ein bisschen über ihre Arbeit ausgefragt. Hierbei kamen von Henning Nöhren (neue Stimme von Naruto aus „Naruto Shippuden” ), Marcel Mann (Son-Goten aus „Dragon Ball Z Kai”) , Sarah Alles (Touka aus „Tokyo Ghoul”) und Jennifer Weiss (Sinon aus „Sword Art Online”) interessante Antworten.

Zu Beachten ist, dass wir euch nicht ALLE Antworten wortgetreu, sondern nur sinngetreu mit der ausführlichsten Antwort zeigen können. Grund dafür ist, dass das Interview sonst den Rahmen sprengen würde. 

Synchronsprechen ist eine Kunst. Denkt ihr man kann diese erlernen oder benötigt man auch viel Talent?

Marcel Mann: Ich denke es ist eine Mischung aus beidem. Die Grundvoraussetzungen zum Synchronsprechen sollten schon eine Schauspiel- oder Sprechausbildung sein oder langjährige Erfahrung als Schauspieler. Dann kommt noch das Talent für Sprache hinzu. Synchronisieren ist wesentlich schwieriger als es erscheinen mag. Man kann nicht einfach ins Studio gehen und losquatschen. Dabei handelt es sich um ein Handwerk, dass man erlernt. Es sind die Feinheiten der Technik, die den Beruf zur Kunst machen. Bis man wirklich gut ist, dauert es.

Wie viele Rollen müsste man annehmen, um sich nur durch das Synchronsprechen finanzieren zu können?

Henning Nöhren: Das ist pauschal schwer zu sagen und hängt nicht zuletzt von dem jeweiligen Lebensstil ab. Du kannst auch eine einzige Serienrolle sprechen (wenn die oft genug auftaucht und viel redet) und kannst damit über die Runden kommen. Nur sind die Entwicklungen deiner Figuren nie vorhersehbar, ebenso wenig ob die Serie in eine weitere Staffel geht. Daher ist es immer besser, mehrere verschiedene Projekte zu machen.
Sarah Alles: […] Für mich steht der Spaß, den ich im Studio beim Synchronisieren habe, im Vordergrund. Als Schauspielerin drehe ich ja auch fürs Fernsehen und Kino und spiele Theater. Für diese Vielfalt bin ich sehr dankbar.

Wie lange steht man im Durchschnitt für eine Episode im Studio?

Marcel Mann: Ich als Sprecher bin ja nur ein Teil einer Episode. Ich spreche meist mehrere Episoden bei einem mehrstündigen Termin im Studio. Aber bis alle Sprecher aufgenommen und alle Tonspuren zusammengemischt sind, dauert es ein paar Tage. Vorher musste ja noch das Buch übersetzt und synchron getextet werden. Es sind viele Gewerke nötig bis zum Endprodukt. Das Ganze ist Teamarbeit.

Kann man sich die Rollen aussuchen für die man spricht oder bekommt man diese zugewiesen, sofern man Interesse hat?

Marcel Mann: Zugewiesen ist nicht ganz das richtige Wort. Aussuchen kann man sich die Rollen aber auch nicht. Es gibt Castings, also Probesprechen für neue Rollen. Dann entscheidet der Sender, der Verleih, die Redaktion oder der Publisher wer die Rolle bekommt. Außer man ist die Feststimme des jeweiligen Schauspielers oder hat die Rolle schon einmal vorher gesprochen, dann spricht man die Rolle meist auch weiterhin.

Gibt es sprachliche Voraussetzungen?

Sarah Alles: Eine Schauspielausbildung ist förderlich, es gibt aber auch viele Quereinsteiger in der Synchronbranche. Sprecherziehung und Schauspieltraining finde ich wichtig, sind aber kein Muss. Klares, sauber artikuliertes Hochdeutsch wird vorausgesetzt, es sei denn die Rolle verlangt einen Akzent oder Dialekt.
Henning Nöhren: […]  Es gibt viele Kollegen, die privat „berlinern“, aber vorm Mikro lupenreines Hochdeutsch abliefern. […]

Zu was für Problemen kann es beim Synchronsprechen kommen?

Henning Nöhren: Es kann natürlich immer mal sein, dass sich das Team aus Regie, Ton, Cut und Sprecher nicht versteht, aber in der Regel versuchen alle an einem Strang zu ziehen. Synchron ist Teamarbeit, da müssen alle ihren Teil dazu beitragen.
Marcel Mann: An manchen Tagen ist die Stimme überlastet. Vor allem wenn man viel schreien muss. Nach einem zehn Stunden Arbeitstag am Mikrofon fällt das Stehen irgendwann schwer. Da muss man einfach durchhalten und Tee trinken. Niemand hat behauptet es wäre einfach.
Sarah Alles: Ab und zu ist der Sprechapparat (Mund, Zunge…) nicht schnell genug. Da helfen Sprechtechnik und Geläufigkeitsübungen, wie z.B. Zungenbrecher. Wichtig ist auch, keine Nebengeräusche zu erzeugen. Wenn ich z.B. eine Rolle synchronisiere, die rennt oder kämpft, ist das natürlich in der Stimme zu hören. Ich bewege mich dann meist auch, aber ohne Geräusche zu erzeugen, also z.B. nur mit dem Oberkörper. Das sieht manchmal wirklich lustig aus!

Was waren bei euch bisher die positivsten Ereignisse bei einer Synchronisation?

Henning Nöhren: Da gibt es einige, vor allem aber ist es immer schön wenn du mit neuen Leuten bzw. in neuen Produktionen arbeitest und es auf Anhieb passt. Nicht nur vom Team her, sondern auch die Rolle. Wenn du merkst da kennt dich ein Regisseur oder Aufnahmeleiter und hat dich da gut ausgesucht, dann freut mich das sehr.
Marcel Mann: […] Ich bin ja schon zehn Jahre als Synchronsprecher aktiv. Über diesen Beruf habe ich wundervolle Menschen kennengelernt, die mittlerweile zu meinem besten Freunden zählen. Ich durfte großartige Rollen sprechen und darf Schauspieler jahrelang als Feststimme begleiten. Es gibt zu viel Positives. Ich liebe diesen Beruf!
Jennifer Weiss: […] Ein besonders positives Ereignis beim Synchronisieren fällt mir jetzt so spontan nicht ein. Eigentlich empfinde ich meine Arbeit allgemein schon als positiv, weil wir alle viel Spaß haben. Die tollsten Momente sind, wenn man auf den Conventions die Fans trifft und sie einem sagen, dass man seine Arbeit gut gemacht hat. Oder wenn man seine eigene Stimme im großen Kinosaal hört.

Wird, sofern nicht beides möglich, beim Synchronisieren eher darauf geachtet die Stimme von dem Originalsprecher zu treffen oder eher dass die Stimme zum Charakter passt?

Henning Nöhren: Das kann man glaube ich nicht wirklich voneinander trennen, der erste Blick geht sicher in Richtung Stimmfarbe, aber zu der Stimme gehört neben dem Timbre ja auch immer der Charakter des Schauspielers, der die Figuren erst richtig zum Leben erweckt.

Werden bei einer Synchronisation von beispielsweise einem 24 Episoden-Anime, alle Szenen auf einmal aufgenommen oder finden diese wie auch bei dem Release meistens in mehreren Stückelungen statt?

Henning Nöhren: Das hängt stark von den Abgabeterminen bzw. der Ausstrahlung ab. Manchmal wird man als Sprecher für eine oder zwei Folgen pro Woche geholt, dann wieder werden wesentlich mehr Folgen pro Woche aufgenommen. Das kommt ganz auf die Produktion an.
Marcel Mann: Es wird so gut wie nie alles auf einmal aufgenommen. Meist ist die Produktion in Blöcke aufgeteilt, also man arbeitet eine oder zwei Wochen im Monat daran und somit geht die Arbeit über Monate.

Auch interessant:  Synchronstudio - Was läuft dort eigentlich ab?

Gibt es etwas, was ihr jedem Synchronsprecher ans Herz legen wollt oder was der jeweilige Publisher oder das Synchronstudio bei ihrem finalen Werk noch besser machen können?

Henning Nöhren: Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob einigen Streaming-Diensten klar ist, das in Deutschland Synchron auf hohem Niveau angeboten wird und entsprechend ernst genommen wird. Das es den Zuschauern auffällt, wenn die Originalschauspieler plötzlich von Folge zu Folge einen anderen Synchronsprecher haben, einfach weil die Abgaben so knapp gelegt sind, dass es organisatorisch nicht anders zu machen war. Auch nimmt das Arbeitstempo sehr zu. Ich arbeite gerne schnell, aber es darf eben nicht auf Kosten der Qualität gehen. Zum Glück erlebe ich aber auch immer wieder Firmen und Regisseure, die da sehr bewusst drauf achten und sich nicht unter Zeitdruck setzen lassen.
Marcel Mann: […] Manchmal wäre etwas mehr Zeit im Studio schön. Doch das lassen die knappen Abgabefristen oft leider nicht zu. Wir sind alle keine Maschinen sondern Menschen. Arbeitszeit ist Lebenszeit. Die sollten wir uns alle gegenseitig so angenehm wie möglich machen.
Sarah Alles: Ich bin immer wieder erstaunt, wie das Ganze überhaupt so gut funktionieren kann. Ist doch verrückt, dass man über dasselbe Bild eine andere Sprachspur legen kann. Allein wenn ich daran denke, dass das deutsche Wort für „ich“ im japanischen „Watashi“ heißt, finde ich es bemerkenswert, was die Dialogbuchautoren sich da überlegen.

Wie bereiten sich die Synchronsprecher prinzipiell vor? Gibt es da spezielle Rituale in der Branche?

Henning Nöhren: Manchmal haben die Sprecher bei Filmen die Möglichkeit das Material vorab zu sehen, um sich besser vorzubereiten, das ist rechtlich aber nicht immer unbedingt gegeben. Ansonsten ist die beste Vorbereitung einfach offen zu sein und sich im Studio auf die Rolle einzulassen. […]
Marcel Mann: Man kommt immer eingesprochen ins Studio und die Stimme muss aufgewärmt sein. Viele Sprecher nehmen dazu einen Korken in den Mund und machen Sprachübungen damit.
Sarah Alles: Ich mache meistens schon auf der Hinfahrt zum ersten Termin ein paar Stimm- und Sprechübungen. Gerade morgens ist das super um die Stimme aufzuwärmen.
Jennifer Weiss: […] Ich persönlich bereite mich auf eine Rolle vor, indem ich vorab schon mal ein bisschen recherchiere: Was ist das für ein Anime? Wie ist die Rolle angelegt? Wenn man dann ins Studio kommt, erklärt einem der Regisseur auch nochmal einiges und dann geht es eigentlich auch schon los. […]

Schauen sich die Synchronsprecher vorher meistens die Anime-Vorlage komplett an oder lassen sie sich in der Regel überraschen?

Henning Nöhren: Wenn man vorher was sehen kann, guckt man schon mal rein auch als Entscheidungshilfe, ob man die Serie auch machen will. Manchmal ist es aber auch richtig ganz unvoreingenommen ran zugehen und sich überraschen zu lassen.
Marcel Mann: Die Regie erklärt dem Sprecher vor Arbeitsbeginn worum es geht und dann arbeitet man sich Szene für Szene durch die Episode oder den Film, den man vorher nicht gesehen hat. Die Anime-Vorlagen können wir uns leider vorher nicht komplett ansehen.
Sarah Alles: In der Regel erfahren wir erst vor Ort worum es genau geht. Ich schaue mir dann ein zusammenhängendes Stück der Rolle an und dann arbeiten wir an einzelnen kleinen Häppchen. […]

Wird noch manchmal so wie früher in Gruppen aufgenommen oder sind es heute ausschließlich Einzelaufnahmen?

Henning Nöhren: In Gruppen werden eigentlich nur noch Ensembles aufgenommen, manche kennen das auch als Menge oder Masse. Da werden kleinere Takes aufgenommen, Laute etc. Hier fangen viele mit Synchron an. Ich hatte neulich einen italienischen Film, bei dem die Regisseurin gerne wollte, dass die drei Hauptdarsteller zu dritt im Studio sind, das hat super funktioniert. Manchmal ist das also sehr gut, weil man ganz natürlich vom anderen abnehmen kann, es kann aber auch arg bremsen. Gerade als Anfänger ist es aber eine große Hilfe, wenn man einen erfahrenen Kollegen neben sich hat, bei dem man sich dann den ein oder anderen Trick abschauen kann und sieht – ah, so macht man das. Aber die Chance gibt es leider immer seltener.
Sarah Alles: Das stimmt, leider ist das eher eine Seltenheit, da es von der Koordination natürlich sehr aufwendig ist und die einzelnen Sprecher dann längere Zeit im Studio sind, um die gleiche Anzahl von gesprochenen Sätzen zu schaffen. Wenn es dann aber passiert, freue ich mich umso mehr. Es ist natürlich toll, direkt aufeinander reagieren zu können. Beim Kinofilm Melody’s Baby hat sich die Regisseurin Sabine Falkenberg sehr dafür eingesetzt, dass Sabine Arnhold und ich zusammen einsprechen und ich finde das hat sich gelohnt.

Büßen die Aufnahmen von Einzelaufnahmen bei Dialogen an Realität und dem bestimmten Flair ein oder hat das eher wenig Einfluss darauf?

Henning Nöhren: Die Qualität sollte natürlich nicht unter dem x-en leiden. Regie und Ton hören deshalb ja auch die Anschlüsse im Studio und sagen dann auch direkt, wenn es nicht miteinander harmoniert oder man das Gefühl hat, die Figuren sprechen nicht wirklich miteinander. Solange man sich aber ans Original hält passt es auch. Es gibt aber natürlich Szenen, die leben von der schnellen Abnahme der Schauspieler, dann kann es viel lebendiger sein, wenn auch beide zur selben Zeit am Mikro stehen.
Marcel Mann: Das hat eher weniger Einfluss darauf. Wir reagieren ja auf unseren Gegenpart im Originalton. Da hilft uns die Erfahrung am Mikrofon.

Wir bedanken uns bei Henning Nöhren, Marcel Mann, Sarah Alles und Jennifer Weiss, dass sie sich die Zeit genommen haben und uns die Möglichkeit gab ihre Arbeit als Synchronsprecher ein bisschen genauer unter die Lupe zu nehmen. 

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Team-& Personalmanager, seit 25. September 2016 für jegliche News rund um Anime-& Mangabereich sowohl in Japan als auch in Deutschland sowie rund Gamingnews zuständig. Allerdings auch für Reviews von Animes & Games zuständig mit dem Ziel Hilfe bei der Kaufentscheidung zu sein. In der Freizeit: Zocken & 24/7 EDM-Musik hören!

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Sebastian Heinemann
Gast
Sebastian Heinemann

Die dunkle Seite der (Anime)-Synchronkultur kommt mir da aber etwas zu kurz. Stichwort „Dumping“. Bin mir sicher, dass der ein oder andere Anime Publisher daran beteiligt ist…