Crunchyroll TV

Wir haben auf der DoKomi zwei Verantwortliche für den deutschen Zweig des Anime-Streaming-Dienstes Crunchyroll getroffen und gleich mal ein Interview durchgeführt. Dabei ging es um Lizenzierungen, neue Maskottchen und zukünftige Projekte der Anime-Plattform.

Japaniac: Hallo ihr beiden. Bevor wir mit den Fragen beginnen, stellt euch doch bitte kurz für unsere Leser vor.

Tobias: Hallo, ich bin Tobias. Ich bin Crunchyrolls Market Manager für Deutschland, Österreich und die Schweiz und ich sorge dafür, dass die Anime übersetzt werden, die News kommen und eben alles hier reibungslos läuft *lach*.

Jörg: Ja, ich bin Jörg. Ich bin quasi Tobis Assistent und ich versuche ihm, Sachen abzunehmen, wenn er anderweitig beschäftigt ist. Im Grunde genommen seine Sekretärin … 😉

Japaniac: Wie ist der Stand der Dinge bei euch? Seid ihr ausreichend beliebt? Ist das Wachstum gut?

Jörg: Wir sind ja heute auf der DoKomi und letztes Jahr haben wir zum ersten Mal auch hier auf der DoKomi unseren ersten Auftritt gehabt. Damals sind wir viel herumgelaufen und auf die Frage „Kennst du uns?“ war es dann eher so: „Nö, wer seid ihr?“, und da war sehr viel mehr Vorstellung unsererseits nötig, also das ganze Marketing-Geschwätz.

Heute war es dann doch häufig so, dass die Leute sagten: „Ah, Crunchyroll! Cool, ich bin bei euch Mitglied. Ich schaue ganz viele Serien bei euch.“, und das ist natürlich geil. Wir bekommen sehr viel Feedback und haben gemerkt, dass die Leute unsere Arbeit zu schätzen wissen. Tobias, willst du geschäftlich noch was dazu sagen?

Tobias: Ja, von der Geschäftsseite nutzt man die Messe natürlich auch, um Kontakte zu knüpfen, wenn man sich noch nicht kennt. So ergeben sich immer interessante Sachen, die man vielleicht ausbauen kann. Und wie Jörg schon sagt, ist das Feedback natürlich genial für uns.

Jörg: Ja, wir sind ja bereits seit 2 Jahren auf dem deutschen Markt und haben bereits über 3.000 Episoden übersetzt. Das ist verdammt viel. Wir sind also mit Abstand der am schnellsten wachsende Anbieter in der DACH-Region, z. B. bei der aktuellen Season, da haben uns die Ohren geschlackert, als wir hörten, wie viele tolle Titel wir ergattert haben. So gut wie alle guten Anime laufen bei uns *lach* … Wo sollen wir uns beschweren?

Natürlich gilt es, unsere Konkurrenz mit den illegalen Streaming-Angeboten zu schlagen, indem wir möglichst gute Angebote mit fairen Preise zur Verfügung stellen. Man kann ja alles auch bei uns kostenlos und legal schauen. So wollen wir die Leute überzeugen, lieber das legale Angebot zu nutzen. Denn so können wir neue Titel finanzieren bzw. mitproduzieren und so den deutschen Markt stärken.

Vielleicht werden wir eines Tages im deutschen bzw. europäischen Markt im grünen Bereich sein. Derzeit spielt dieser ja keine große Rolle im Vergleich zum japanischen. Aber wenn wir für Japan wichtiger werden, würden auch Titel, die in Japan nicht gut ankamen, aber eben in Europa super laufen, dann eine Fortsetzung bekommen, weil sich dies ja hier in Europa lohnen würde. Und das wäre für unsere Fans dann eine tolle Botschaft.

Tobias: Wir müssen einfach dafür sorgen, dass die Wahrnehmung des legalen Angebots an Anime verbessert wird. Weil sich auch der westliche Markt vom Japanischen unterscheidet. In Japan gibt es ja keine Streaming-Seiten, die alle Titeln vereinen, aber im Westen klappt das eher. Da wir günstig sind, bekommen wir viele Zuschauer und können so auch mehr Lizenzen ergattern.

Japaniac: Die 5€ Gebühr für Crunchyroll sollen ja die japanische Anime-Industrie unterstützen. Wir funktioniert das genau? Derzeit wissen ja viele nicht, dass illegale Streaming-Seiten tatsächlich illegal sind, da auch der Lizenzmarkt nicht transparent ist. Wie helfen Crunchyroll-Zuschauer der Anime-Industrie?

Tobias: Unser Geschäftsmodell war von Anfang an, dass die 5€ Gebühr zur Hälfte direkt an die Lizenzgeber fließen. Die Verträge mit den japanischen Firmen enthalten also eine Klausel, die besagt, dass jede „konsumierte“ Sekunde eines Contents anteilig von den 2,50€ bezahlt wird. Schaut jemand also fünf Episoden von fünf verschiedenen Anime, erhalten die Studios dieser fünf Anime jeweils 50 Cent. Am Ende werden es jedoch deutlich weniger sein, weil die meisten Premium-User bei Crunchyroll noch deutlich mehr Episoden schauen.

Vor Kurzem haben wir ja angekündigt, dass weltweit 700.000 Abonnenten Premium-Nutzer sind und somit die 5€ bezahlen. In manchen Ländern weicht der Preis etwas ab, aber man kann allein durch das Abo-Modell von einem Umsatz von 2.4 Mio. € ausgehen. Davon fließt also die Hälfte direkt an die Lizenznehmer. Und das ist für japanische Firmen natürlich attraktiv, da es auch schneller wirkt, als wenn sie warten müssen, bis ein deutscher Unternehmer die Disc-Rechte für einen Anime erwerben will. Der Markt ist ja meit zu klein für Anime-Titel auf Blu-ray und DVD. Da ist Streaming viel skalierbarer.

Jörg: Ja, es wurde auch bekanntgegeben, dass Crunchyroll und Kadokawa eine Partnerschaft eingehen und wir somit auch in die Anime-Produktion einsteigen. Mit dem Rest der Gebühr (2,5 €) werden also auch wieder Anime produziert bzw. lizenziert. Also fließen zwar 50% direkt an die Lizenzgeber, aber auch vom Rest bekommt die Anime-Industrie einiges ab. Natürlich müssen auch unsere Übersetzer, die Verwaltung und die Serverkosten bezahlt werden.

Japaniac: Das ist bestimmt für einige Leser interessant! Eine recht aktuelle Frage fällt mir zum deutschen Markt ein. Peppermint anime hat ja sein eigenes Festival, das peppermint anime festival. Dieses soll nächstes Jahr in AKIBA Pass Festival umbenannt werden. Plant Crunchyroll auch so etwas in Deutschland?

Tobias: Im Moment haben wir zu wenig Film-Content. Ein Disc-Publisher hat da bessere Karten, weil das eigentlich ja für Kino und nicht für den Internet-Vertrieb gedacht ist. Wenn wir solche Lizenzen bekommen, bieten wir es meist Veranstaltern solcher Events an. Beim peppermint anime festival dieses Jahr haben wir ja auch die Lizenz zu Garakowa beigesteuert. Peppermint anime hat sich auch über diesen kostenlosen Content sehr gefreut.

Wenn wir solche Lizenzen bekommen, werden wir diese auch weiterhin so anbieten, aber so ein Event selbst auf die Beine zu stellen, ist derzeit noch zu schwierig mit dem Umfang des Teams, welches wir in Deutschland haben. Wir sind ja derzeit 27 Leute im Team, wobei sogut wie jeder im Bereich Untertitelung agiert, sodass wir keine Ressourcen für andere Projekte hätten. Da unterscheiden wir uns von den anderen Anbietern, die eben verschiedenste feste Rollen im Team haben wie Marketing, Vertrieb etc.

Dafür sind wir aber auch im Team sehr familiär. Liegt auch daran, dass 80% des Teams schon seit 2,5 Jahren dabei ist. Ab und zu wechselt jemand, aber der Kern bleibt gleich. Wir verteilen die Übersetzungsaufträge auch nach Geschmack der Übersetzer und kommunizieren über Skype wie es auch im Privatleben ist. Wir haben eigentlich immer was zu lachen.

Jörg: Wir sind ja alle im freischaffenden Beruf, also nicht direkt bei Crunchyroll angestellt und haben somit kein richtiges Büro und sind über ganz Deutschland verteilt. Das unterscheidet uns auch deutlich vom Rest der Konkurrenz. In Skype reden wir auch über Übersetzungsprobleme und helfen uns da gegenseitig. Dann tauschen wir mal Episoden, weil der eine das Thema in der Folge besser beherrscht bzw. doch etwas besser Japanisch kann als der andere und so weiter. Zum Beispiel bei Witzen im Japanischen, wo man Probleme mit der Übertragung hat. Da fragt der eine im Chat, was den anderen für ein Reim auf „Himmel“ einfällt und die anderen können dann natürlich helfen *lach*.

Japaniac: Also seid ihr im Grunde genommen wie eine Fansub-Gruppe. Nur eben legal und mit den entsprechenden Ressourcen …

Jörg: Im Grund schon, ja.^^

Tobias: Bloß, dass wir pünktlicher arbeiten und natürlich einige Tage Vorsprung dank des japanischen Skripts haben, dass uns meist eine Woche vor Ausstrahlung in Japan geschickt wird. Wir zeigen die Streams ja eine Stunde nach Veröffentlichung im japanischen Fernsehen.

Japaniac: Mal was anderes! Ihr habt auf der DoKomi drei neue Maskottchen speziell für den deutschsprachigen Raum vorgestellt. Diese sind in Zusammenarbeit mit dem deutschen Comic-Zeichner David Füleki entstanden. Könnt ihr ein bisschen darüber erzählen?

Tobias: Wir haben in Amerika schon unser bestehendes Maskottchen für den Service an sich, die Hime. Wir wollten aber in Deutschland einen Charakter, den man freier verwenden darf und schnell anpassen kann. David haben wir daraufhin entdeckt und er hat sich auf diese Aufgabe gefreut. Er zeichnet dann auch Comics zu diesen Maskottchen und wir werden auch etwas für ihn und seine Produkte werben, wenn wir die Möglichkeit haben.

Jörg: David ist auch ein talentierter Typ und richtig cool. Er hat Humor und kann gut malen, aber wichtig ist, dass er selbst die Geschichten erfinden kann. Und mit den Maskottchen wollen wir lustig sein, was mit Hime nicht so gut möglich ist. Kleine lustige Geschichten sind jetzt einfacher für uns.

Wir haben jetzt drei Maskottchen: der Zwerg Ansgar, das Rotkäppchen Lupa und den Hasen Henner, die in einer WG leben. Alle sind Anime-Fans und das WG-Leben wird von Anime bestimmt. Sie haben natürlich einen Crunchyroll-Account und streiten sich z. B. auch darum, wer was schauen darf und welcher Anime besser ist. Da werden wir im Laufe der Zeit noch die Charakteristika der einzelnen Figuren verdeutlichen können.

Wichtig ist eben, dass wir den deutschen Stempel aufdrücken wollen. In Spanien ist ja auch die Rollita als länderspezifisches Maskottchen im Einsatz.

Japaniac: Ok, noch zwei Fragen und dann höre ich auf zu nerven!^^ … Nach welchen Kriterien werden überhaupt die Anime ausgewählt?

Tobias: Wir schauen erstmal intern, was findet ihr toll für Deutschland? Dabei gehen wir auch nach Geschmäckern, aber grundsätzlich bieten wir auf alle Anime, die in der Season rauskommen. Am Ende bekommen wir leider nicht alle, doch wie man in der jetzigen Season sehen kann, wird es immer mehr.

Natürlich betreiben wir auch Marktforschung wie jede andere Firma und bieten dann bei potenziell beliebten Anime etwas mehr Geld als bei den eher chancenarmen Anime. Wir nehmen da auch gern Frankreich als gut bewertbaren Markt, da er für Manga und Anime sehr groß ist in Europa.

Hier gehen wir auch nach Genre, aber auch nach Zielgruppen (mehr Infos hier), was einige ja gern vermischen. Z. B. läuft Shounen in Deutschland sehr gut, wobei Seinen wiederum eher schlecht vermarktbar ist.

Jörg: Es ist natürlich auch praktisch, dass wir viele verschiedene Titel anbieten, so können beliebte Titel die weniger beliebten von den Zuschauerzahlen ausgleichen und wir bieten dann auch mal Nischen-Titel an, um eine kleinere Zielgruppe zu bedienen, was die anderen Publisher auf Grund des Risikos ja nicht können.

Japaniac: Da habt ihr sicherlich ein Stein im Brett bei manchen Lesern. Kommen wir zur finalen Frage: Was können unsere Leser in den nächsten Monaten von Crunchyroll erwarten? Kooperationen oder neue Projekte?

Tobias: Wir arbeiten natürlich weiter an unserer Investment-Strategie. Damit wir weltweit ein einheitliches Programm anbieten können und nicht jedes Land unterschiedliche Lizenzen erwirbt. Es gibt ja auch das Problem, dass Zuschauer in den Urlaub fahren und nicht mehr schauen können. Und das wollen wir endlich mal lösen. Das ist für uns natürlich ärgerlich.

Jörg: 100% wird das natürlich nicht klappen, aber wir versuchen weltweite Rechte zu bekommen für die jeweiligen Titel. Die Unterschiede zwischen den Ländern sollen einfach nur minimal sein. Ja, die Partnerschaft mit Kadokawa wollen wir natürlich ausbauen, um selbst Anime mitzuproduzieren und uns so die Lizenzen zu sichern.

Tobias: Wir werden jetzt für Kadokawa außerhalb Asiens der offizielle Lizenznehmer sein, sodass wir all ihre neuen Titel bei uns anbieten können. Wir haben ja diese Season alle vier Titel von ihnen erhalten, also auch Bungo Stray Dogs, Joker Game, Big Order und Super Lovers. Und das wollen wir auch weiterhin behalten. Und wir haben auch geheime Projekte für die nächsten Monate, also seid gespannt. Japaniac wird sicherlich darüber berichten können.

Japaniac: Alles klar! Vielen Dank für das ausführliche Interview und wir hoffen, dass unsere Leser einiges gelernt haben.

Werbung
Ehemals studierte ich Japanologie und Sinologie in Frankfurt. Mittlerweile bin ich im (Online-)Marketing international aktiv und leite den Japan-Bereich der EpicCon (epiccon.de). Japaniac startete als Hobby, um meine Zuneigung zur japanischen Kultur auszuleben. Dabei werde ich von Gleichgesinnten unterstützt!

Hinterlasse einen Kommentar

avatar
2000