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Ein Klassiker unter den Animefilmen: Chihiros Reise ins Zauberland, der bisher erfolgreichste Film in der japanischen Geschichte. Wie bei allen seiner Filme gelingt es dem Regisseur Hayao Miyazaki auch hier, in einem vermeintlichen Kinderfilm eine kritische Botschaft zu verstecken, die man erst mit zunehmendem Alter aufzudecken vermag. Was steckt also hinter dieser verzaubernden Geschichte?

Handlung von Chihiros Reise ins Zauberland

Der Film gibt einen Einblick in das Leben von Chihiro, einem zehnjährigen Mädchen, das in die Geisterwelt eindringt und, nachdem ihre Eltern in Schweine verwandelt werden, einen Weg finden muss, um diese und sich selbst zu befreien und in die menschliche Welt zurückkehren zu können.

Chihiro nimmt zunächst einen Job im Badehaus der Hexe Yubaba an, das von Göttern und Geistern besucht wird. Hier muss sie hart arbeiten, findet aber auch Freunde, die ihr auf ihrem Weg zur Seite stehen und helfen. Bevor sie in die menschliche Welt zurückkehren kann, stellen sich Chihiro einige Hindernisse entgegen, die sie aber nach und nach bewältigen kann, als sie sich immer besser in der Geisterwelt zurecht findet.

Kritische Motive des Films

In Chihiros Reise ins Zauberland  finden sich bestimmte Motive wieder, die typisch für die Filme von Hayao Miyazaki aus dem Studio Ghibli sind, wie das Problem der Umweltverschmutzung. In einem Interview gab er an, dass er an einen Punkt gelangt sei, an dem er einfach keine Filme mehr machen könne, ohne das Problem der Menschheit als Teil eines Ökosystems anzusprechen.

Hayao Miyazaki der Regisseur von Chihiros Reise ins Zauberland
Hayao Miyazaki

So wird dieses Motiv auch hier aufgegriffen: In einer zentralen Szene des Filmes besucht ein schlammiges, stinkendes Monster das Badehaus, das irrtümlicherweise für einen Faulgott gehalten wird. Als Chihiro es von allerlei Abfall und Dreck befreit, darunter sogar ein Fahrrad, erkennt sie, dass es sich um den Geist eines von Menschen verschmutzten Flusses handelt.

Ein weiteres zentrales Motiv in Chihiros Reise ins Zauberland ist die Namensänderung durch die Hexe Yubaba. Als Chihiro nach Arbeit im Badehaus fragt, ändert diese ihren Namen von Chihiro zu Sen, eine Handlung mit symbolischem Charakter, die einem Identitätsverlust gleichkommt. In der weiteren Handlung des Films erfährt man, dass Yubaba die Namen ihrer Angestellten verändert, um Macht über sie auszuüben. Außerdem wird Chihiro niemals in die menschliche Welt zurückkehren können, wenn sie ihren eigentlichen Namen vergisst.

Der Akt der Namensänderung ebnet den Weg für zwei verschiedene Deutungen. Da ein wichtiges Thema des Films insgesamt das Erwachsenwerden ist, kann das Löschen des alten Namens als abruptes Ende der Kindheit und der Kindheitsidentität gesehen werden. Chihiro, die anfangs noch kindlich zurückhaltend und unsicher wirkt, überwindet später stark und entschlossen auftretende Hindernisse, und das ohne jegliche übernatürliche Fähigkeiten zu besitzen.

Ein Einblick in Japans Bordelle

Ein weiterer Deutungsansatz liegt in den Parallelen des Badehauses aus dem Film zu früheren Badehäusern in Japan, die als Bordelle betrieben wurden. Dort sprach man die Bordellleiterin mit yubaba an, im Film der Name der Hexe, die das Badehaus leitet. Es ist heute noch üblich, dass Prostituierte ihren Namen ändern und eine zweite Identität erschaffen, so wie Chihiros Name im Film ausgetauscht wird. Sie besitzt eine Identität, die nur für die Geisterwelt und das Badehaus gilt und eine, die außerhalb dessen, in der menschlichen Welt besteht.

Hexe Yubaba in Chihiros Reise ins Zauberland
Hexe Yubaba

Dass das Badehaus nicht nur ein Ort des Positiven ist, wird auch durch das Ohngesicht deutlich, ein Geist, der von Chihiro in das Badehaus gelassen wird, weil sie glaubt, er sei ein Gast. Er kann mit seinen Händen Gold entstehen lassen und verlangt Essen. Die Mitarbeiter des Badehauses hoffen, mit dem Gold belohnt zu werden, wenn sie ihm Essen bringen und Chaos bricht aus, weil jeder der erste sein will, dem das Gold zukommt. Dabei werden sogar einige Angestellte von anderen totgetreten. Es stellt sich heraus, dass das Ohngesicht die Mitarbeiter nur mit dem Gold angelockt hat und verschluckt schließlich mehrere von ihnen.

Diese Szene kann als generelle Kritik an der Gier der Menschen aufgefasst werden. Weil man ihnen Gold verspricht, sind sie so sehr von ihrer Gier getrieben, dass sie einem Fremden ohne jeden Zweifel vertrauen und nicht einmal mehr vor ihren eigenen Arbeitskollegen Respekt haben. Im Film wird dieses Verhalten aufgedeckt und bestraft, indem das Ohngesicht einige von ihnen auffrisst.

Das Ohngesicht begegnet Chihiro in Chihiros Reise ins Zauberland

Ohngesicht

Auch hier übt Hayao Miyazaki durch seine Filme Kritik an der Gesellschaft und am Wesen der Menschen an sich und erschafft dazu zwei Ebenen in seinen Filmen. Als Kind erkennt man die kritische Ebene nicht und trotzdem findet man Gefallen an seinen Filmen. Als Jugendlicher oder Erwachsener kann man die Botschaft seiner Filme erkennen und deuten und trotzdem geht dabei die Magie, mit der die Filme einen in seiner Kindheit verzaubert haben, nicht verloren. Vielleicht ist es gerade diese Vielschichtigkeit, die Hayao Miyazakis Filme so erfolgreich und besonders machen, dass man sie sich wieder und wieder ansehen kann.

QUELLEFantheories
Moin, moin aus Hamburg. Ich lese Korrektur für Japaniac und trete deshalb eher im Hintergrund auf!