Die Götter gingen zu Omohi-kane, der für seine Weisheit und Vernunft bekannt war. Auf seinen Rat hin holten sie ein paar Hähne, die heiligen Vögel der Sonnengöttin, die – in normalen Zeiten – allmorgendlich deren Ankunft verkündeten. Dann gaben sie bei Tamahoya eine prachtvolle Juwelenschnur und bei Ishikori-dome einen achtseitigen Spiegel in Auftrag.

Als nächstes holten sie einen heiligen Sakaki-Baum, der in der dünnen Luft eines Bergrückens gewachsen war, und stellten ihn vor die Höhle, in die sich Amaterasu zurückgezogen hatte. An seine Zweige hängten sie den glänzenden Spiegel, die funkelnden Krummjuwelen und lange Streifen farbigen Stoffes. Mehrere Gottheiten versammelten sich vor der Höhle; sie vollzogen Andachtsübungen und heilige Rituale. Dann verbarg sich Ameno Tajikarawo, der enorme Körperkräfte besaß, neben dem Höhleneingang.

Die Göttin der Morgenröte, Ama-no-Uzume, trat hinzu, nur spärlich bekleidet mit einem leichten Gewand, das aus Pflanzen und Bändern gemacht war. Sie stelle einen kleinen Eimer umgedreht vor die Tür zur Höhle, gleich neben den heiligen Sakaki-Baum. Dann entzündete sie heilige Feuer und begann mit einer Beschwörung. Der Spiegel, die in den Baum gehängten Stoffstreifen und die Feuer, welche die Göttin entfachte, sollten zur traditionellen Ausstattung der Shintô-Schreine gehören.

Ama-no-Uzume stieg auf den Eimer und begann einen erotischen Tanz, als müsste sie einen hochgestellten Krieger oder Priester verführen. Langsam schwang sie die Hüften und bewegte rhythmisch den Leib, während sie dazu mit den Füßen stampfte. Die vor der Höhle versammelte Götterschar klatschte und jubelte ihr zu. In Ekstase entblößte sie ihre Brüste und ließ dann das ganze Gewand fallen, so dass sie nackt vor ihnen stand. Die Götter schien diese Schamlosigkeit zu erheitern, denn sie lachten aus vollem Halse, so laut, dass der Himmel erbebte, als wollte er das Innere nach außen kehren. Zur selben Zeit begannen die von den Göttern mitgebrachten Hähne zu krähen.

Tief im Innern der Höhle hörte Amaterasu die Hähne und spürte, wie das Gelächter der Götter den Boden erschütterte. Sie wunderte sich über diese Freude, denn sie wusste, dass ohne ihr Licht tiefe Nacht und trostlose Unfruchtbarkeit im Himmel und auf Erden herrschten. Vorsichtig öffnete sie die Höhlentür einen Spalt und erkundigte sich von drinnen nach der Ursache des Lärms. Ama-no-Uzume antwortete listig, die Götter seien so fröhlich, weil sie eine Herrin bei sich hätten, die noch verehrungswürdiger sei als Amaterasu. Nun konnte Amaterasu ihre Neugier nicht mehr zügeln. Sie trat heraus und erblickte sich in dem Spiegel, den die Götter in den Sakaki-Baum gehängt hatten. Sie trat näher – und betrachtete ihre eigene strahlende Pracht, die sie noch nie zuvor gesehen hatte.

In diesem Augenblick sprang der kraftvolle Ame-no Tajikarawo vor und ergriff ihre Hand, so dass sie nicht wieder in die Höhle zurückkehren konnte. Ein anderer Gott stürzte herbei und spannte ein Shimenawa – ein Zauberseil aus Reisstroh – vor den Eingang der Höhle.

Helligkeit strömte von Amaterasu aus. Unter ihren warmen Strahlen kehrte die Fruchtbarkeit auf die Reisfelder der himmlischen und irdischen Gefilde zurück. Die Ordnung war wiederhergestellt. Zwei ehrwürdige Gottheiten, Amenokoyame und Futotama, verbeugten sich vor Amaterasu und baten sie inständig, fortan bei ihnen zu bleiben und nie wieder ihren hellen Glanz zu verbergen.

Dann saßen die Götter über Susano zu Gericht. Ihr Zorn auf ihn war gewaltig, denn er hätte Himmel und Erde in eine Katastrophe stürzen können. Sie bestraften ihn schwer, ließen ihm den Bart scheren und die Zehen- und Fingernägel abschneiden. Sie zwangen ihn, die bei Reinigungsritualen üblichen Formeln zu sprechen und Speichel und Nasenfluss als Opfergabe darzubringen. Dann verbannten sie ihn für immer und ewig aus dem Himmel. Sie verboten ihm, auf der Erde zu verweilen, und vertrieben ihn in die finstere und unwirtliche Unterwelt.

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QUELLESöhne der Sonne – Weltbild
Ehemals studierte ich Japanologie und Sinologie in Frankfurt. Mittlerweile bin ich im (Online-)Marketing international aktiv und leite den Japan-Bereich der EpicCon (epiccon.de). Japaniac startete als Hobby, um meine Zuneigung zur japanischen Kultur auszuleben. Dabei werde ich von Gleichgesinnten unterstützt!

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